Die einsame Kirche

 

 

Wenn man die Chaussee Parchim Sternberg befährt, kommt man nach etwa 22 km, von Parchim aus gesehen, zum Ruester Krug. Dort zweigt eine Straße nach Osten zum Dorf Ruest ab. Dieses Dorf wurde im April 1953 von den letzten Bauern “befreit", also zwangsevakuiert und das Land der dortigen LPG Mestlin zugeschlagen. Somit waren neun Bauern dieses Dorfes,  die jeweils zwischen 45 und 50 Hektar Land bewirtschafteten, nicht mehr. So war es auch wohl von vornherein bei der Gründung der LPG Mestlin geplant. Zurück blieben Vertriebene aus den Ostgebieten Deutschlands.  Diese verließen den Ort im Laufe der Jahre. In Ruest blieben außer vier bewohnbaren Häusern nur Ruinen und die Dorfkirche.

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(7) Die Ruester Kirche von Süden gesehen,alt und imposant. Von weitem täuscht sie einen soliden Zustand vor, doch der Schein trügt.

Die Dorfkirche stand einst im Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten und Beerdigungen. Alles spielte sich hier ab, ohne Kirche nicht denkbar. Die Kirche verlor ihre Bedeutung, nachdem das Dorf durch die seit Jahrhunderten hier ansässigen Bauern leergezogen worden war. Jetzt, im Jahre 1993, trug sich die Oberkirchenleitung in Schwerin mit dem Gedanken des Abrisses. Die Kirche braucht unbedingt eine bauliche Instandsetzung. Doch Gläubige gibt es im Ort nicht. Lohnt sich der Aufwand, das ist die Frage, vor der die Kirchenverwaltung steht.

Sehen wir uns das altehrwürdige Gemäuer genauer an.

Die Kirche stammt aus der Zeit des 13. bis 14. Jahrhunderts. Sie wurde im frühgotischen Stil aus Feld und Backsteinen erbaut. Die Stützpfeiler an den  Außenwänden müssen jedoch erst in späteren Jahrhunderten angesetzt worden sein. Sie stehen nicht im festen Verbund mit dem übrigen Mauerwerk. Das ist jetzt, wo sich einige Pfeiler nach außen neigen, sehr deutlich zu sehen. Auf der Südseite befindet sich ein Portal aus Backsteinen, das nach innen einen Rundbogen, nach außen einen Spitzbogenschluß hat. Der stattliche Fachwerkturm stammt aus dem 18. Jahrhundert. Auf der Wetterseite ist er reparaturbedürftig. Wie auf dem Foto zu erkennen ist, sind bereits mehrere Fachwerkfüllungen des Turmes herausgebrochen. Der Turm gab den eigentlichen Anstoß, von einem Abriß zu sprechen. Angeblich wäre er baufällig und würde wackeln. Dazu kann ich nur sagen, daß der Turm seit jeher wackelte, vor allem, wenn die Glocken läuteten. Das innere Fach und Balkenwerk befindet sich in einem guten Zustand.

Den Ostgiebel verzieren fünf gotische Spitzbögen. Die Spitzbögen sind zweiteilig, getrennt durch Rippen. Die Zwischenräume der Feldsteine im Sockel des Ostgiebels füllen an einer Stelle Backsteine. Bemerkenswert sind daran einige runde, offensichtlich ausgeschabte Vertiefungen, die nur an den Backsteinen des Ostgiebels auftreten. Sie weisen einen Durchmesser von ca. 23 cm auf.  Sie haben vermutlich folgende Bedeutung:

Als die Pest im 14. Jahrhundert grassierte, schabte man aus diesen Backsteinen Steinmehl, mischte es in das Essen in dem Glauben, es würde vor der Pest bewahren, stammte es doch von einem heiligen Ort. Das scheint ein sicheres Indiz dafür zu sein, daß die Pest auch in Ruest ihre Opfer fand.

An der Nordseite erkennt man bei genauem Hinsehen, daß es ein weiteres Portal gab. Es ist irgendwann, wie bei vielen anderen Kirchen auch, zugemauert worden, weil es nicht mehr gebraucht wurde. Von innen kann man es genauer sehen.Das Kirchenschiff wird von einer flachen Balken und Bretterdecke überspannt. Der barocke Altar stammt aus dem Jahre 1693, ebenfalls die Kanzel. Eine Inschrift auf der Rückseite nennt Christoff Friederich von Jassmundt, Klosterhauptmann von Dobbertin, als Spender des Altars. Wie alles andere, sind auch Altar und Kanzel renovierungsbedürftig.

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(6) Deutlich sind in den Backsteinen der Ostwand die runden Bohrlöcher zu sehen. Unter den Pflanzen rechts im Bild wächst auch das Schöllkraut, eine Kulturreliktpflanze.

Das Kirchenschiff wird von einer flachen Balken und Bretterdecke überspannt. Der barocke Altar stammt aus dem Jahre 1693, ebenfalls die Kanzel. Eine Inschrift auf der Rückseite nennt Christoff Friederich von Jassmundt, Klosterhauptmann von Dobbertin, als Spender des Altars. Wie alles andere, sind auch Altar und Kanzel renovierungsbedürftig.

Im Turm gab es bis 1917 drei Glocken, eine im Durchmesser von 1,01 m, 640 kg schwer und 1389 zu Ehren des heiligen Stephanus gegossen. Die zweite hat einen  Durchmesser von 0,81 m und wurde 1508 gegossen. Die dritte und mit einem Durchmesser von 0,60 m mußte 1917 dem Krieg geopfert werden. Mit Leichtigkeit konnte Stellmacher Karl Dau den bronzenen Körper der alten Glocke am 16.  Juni 1917 zerschlagen. Schon früher, am 4. Mai 1917, wurden die 35 Orgelpfeifen (Prospektpfeifen) herausgenommen. Sie hatten ein Gewicht von 25 1/2 kg und wurden mit 195 Mark entschädigt. Die Orgelpfeifen wurden nach 1918  wieder ersetzt. 1987 begutachtete ein Orgelbaumeister die Orgel. Das Urteil war niederschmetternd. Vom Holzwurm zerfressen, nicht mehr zu reparieren.

Die beiden großen Glocken wurden 1989 wegen des passenden Geläutes nach Mestlin gebracht, dafür kam eine Mestliner Glocke nach Hohen Pritz. Die dortige  Kirche gehört auch zum Kirchspiel Mestlin. Die Dörfer Klein Pritz und Dinnies gehören zur Ruester Kirche.

Das brauchbare Gestühl kam zur Kirche in Dabel. Das Kleinkunstwerk, Kelche, Patenen, Kannen, fünf zinnerne Altarleuchter, einer wurde 1725 von Pascher Wiese gestiftet und vom Parchimer Zinngießer CM gefertigt; sind 1990 nach Rostock zum kirchlichen Kunstdienst geschafft worden. Sie warten dort auf Erlösung zum Herbst 1993, wenn die Pfarrstelle Mestlin neu besetzt ist.

Am 5. 2. 1949 stellte der Rat der Gemeinde Ruest den Antrag an den Rat des Kreises Parchim, die Friedhofsmauer abbrechen zu dürfen, um mit dem Material fünf Neubauernstellen gemäß Befehl 209 in der Gemeinde zu errichten. Die Kirche wird seit etlichen Jahren nicht mehr gottesdienstlich genutzt. Was aus ihr werden soll, weiß man noch nicht, denn die Schäden am Mauerwerk und Dach,  ganz zu schweigen von der Inneneinrichtung, sind erheblich. Sowohl die Landeskirche als auch das Landratsamt Parchim würden je die Hälfte der Renovierung tragen, aber der Verwendungszweck müßte gesicher sein. So hört man aus  kirchlichen Kreisen. Ja, sie ist eine vergessene Kirche, da die Gemeindemitglieder durch ihre Flucht 1952/1953 über ganz Deutschland verstreut sind. Das Dorf ist zerstört. Einsam und verlassen steht die Kirche und wartet auf neue Gläubige, die das Dorf beleben könnten.

                                                                                                                      Johann-Georg Nehls 1993

Anmerkung: 1994 wurde der Kirchenturm gesichert und mit Holz verkleidet, weiter wurde das Dach regendicht gemacht.

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