Vorwort

Mein erster Lebensabschnitt gehört einer Landschaft und einem Dorf, welche ich sehr geliebt habe und noch liebe. Mich verband aber auch viel mit den Menschen, die dort lebten. Und dieses Miteinander veranlaßte mich, die Geschichten über mein Heimatdorf Ruest aufzuschreiben.

Es ist ein armseliges Dorf geworden. Es macht traurig, sich dort umzusehen. Viele Erinnerungen aus der Jugendzeit werden dabei wach und die Worte stellen sich ein: “Weißt Du noch?"

Leicht ist es nicht, im Nachhinein solche Aufzeichnungen aus der Ferne zu machen. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist, unseren Nachfahren ein Stück Heimat erhalten zu haben.

Mein zweiter Lebensabschnitt begann in der Fremde. Wir wußten nach der Flucht nicht, was uns bevorstand. Aber gemeinsam, mit meinem 72-jährigen Vater, meiner Frau und den Kindern, packten wir es an. Wir haben es  gemeistert. Das Schicksal war uns hold.

Doch die Heimat bleibt!

Johann-Georg Nehls                                                                                                 Mülheim/Ruhr, Juni 1994

 

Hufe XIII  “Eichenhof” im Jahr 1947

Eichenhf

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Die Ur- und Frühgeschichte von Ruest

(B. Keuthe)

Auf den ersten Blick scheint die große Ruester Feldmark arm an archäologischen Fundplätzen zu sein. Bisher waren nur drei solcher Plätze in den Akten des Bodendenkmalamtes in Schwerin nachgewiesen. Dafür gibt  es Gründe:

Zum einen wurden wenig archäologische Untersuchungen durchgeführt, weil in der näheren Umgebung kein Bodendenkmalpfleger wohnt, der sich mit der Vorgeschichte beschäftigen könnte, von Parchim die Anfahrt sehr  weit ist, die Gegend durch die geringe Anzahl erhaltener Bodendenkmale für eine allgemeine Erforschung seitens des Bodendenkmalamtes zu uninteressant ist und der schwere lehmige Boden das Auffinden von Spuren der  Vergangenheit beeinträchtigt.

Die letzten zielgerichteten Flurbegehungen zeigen jedoch, daß die Feldmark seit der Jungsteinzeit (3500-1800 v.u2.), wenn vielleicht auch nicht durchgängig, so doch über viele Jahrhunderte, besiedelt war.  Eine Besonderheit besteht darin, daß äußerst wenig fließende Gewässer, an denen sich unsere Ahnen mit Vorliebe niederließen, vorhanden sind. Trotzdem boten die zahlreichen Sölle, Teiche und Seen ausreichendes und  qualitätsvolles Wasser, denn an vielen von ihnen finden sich Siedlungsreste. Der Grundwasserspiegel dürfte den Beobachtungen nach bis in die frühdeutsche Epoche hinein (1200-1400 u.Z.) um mindestens einen Meter höher  gelegen haben als heute.

Die ersten menschlichen Spuren stammen aus der Jungsteinzeit. Es sind Feuersteinabschläge und -klingen, die in den Wiesen am Ruester Krug gefunden wurden. Von einem Ruester Ausbau stammt ein Feuersteinbeil,  ebenfalls aus jener Zeit. Die Bronzezeit (1800-500 v.u.Z.) ist bisher recht schwach vertreten. Typische Flurnamen und ehemalige Hügelgräber weisen darauf hin, daß auch in jener Zeit Menschen auf der Feldmark lebten. Der  Silberberg am Ruester Krug könnte eine Grabanlage aus der älteren Bronzezeit gewesen sein. Das Hügelgrab wurde erst in unserem Jahrhundert abgetragen. Die dazugehörigen Siedlungsplätze sind noch nicht entdeckt. Aus der  römischen Kaiserzeit (500 v.u.Z. bis 500 u.Z.) sind zwei Plätze bekanntgeworden. Der eine liegt an der Ostseite des Torfmoores in der Nahe des Kadower Blocksberges, der zweite am Küselborn bei der Ruester Schnaterei. Der  Steinbrink am Küselborn könnte dem Namen nach der "Friedhof" dieser germanischen Siedlung gewesen sein, also ein Urnenfeld, aber der schwere Boden gab sein Geheimnis bisher nicht preis. Die Germanen verließen  spätestens im Züge der Völkerwanderung das Gebiet. Erst 100 Jahre danach begann die allmähliche Besiedlung durch Slawen. Auch hier fehlen noch entsprechende Fundplätze. Jüngere slawische Siedlungsstellen (ab 1000 u.Z.) konnten jedoch bereits mehrmals nachgewiesen werden:

1. Südlich von Ruest, zwischen dem Weg nach Kadow und dem Brandmoor auf einer Anhöhe, Flurname “ In dem Brinck"

2. Östlich der Kirche, nördlich vom Brandmoor, vor dem “Primer"

3. Südöstlich vom Ruester Krug, Flurname"Glockenmoor"

Zu rechnen ist mit mindestens einem weiteren slawischen Fundplatz in der Nähe des Büthberges oder südlich davon.In der Mitte des 13. Jahrhunderts begann die Einwanderung deutscher Bauern. Milch und Honig sollten im ehemaligen slawischen Land fließen und die ersten Jahre waren abgabenfrei. Das bewog viele Bauern in Holstein, Westfalen und anderen Gebieten jenseits der Elbe, ihre alte Heimat aufzugeben und ihr Glück neu zu versuchen. In Ruest dürften noch Reste der slawischen Urbevölkerung gelebt haben, denn es erhielten sich einige ihrer Flurnamen, die nur mündlich weitergegeben werden konnten. Am slawischen Siedlungsplatz östlich der Kirche findet man auch frühdeutsche Keramik aus dem 13.-14. Jahrhundert. Die Slawen werden diese, in der Farbe  graublaue Töpferware schon länger gekannt und benutzt haben, denn Kontakte dazu hatten sie nicht erst mit dem Zuzug der deutschen Bauern. Im Brandmoor, dicht neben dem slawischen Dorfplatz, liegt etwas erhöht die Rug Horst. Das ist ein sogenannter Turmhügel aus der Anfangszeit der deutschen Ostkolonisation. Hier hatte ein Ritter seine Befestigung gebaut. Mit dem gegenüberliegenden Ufer und dem dort befindlichen Dorf war sie durch eine Brücke  verbunden, deren Reste in Form einiger Pfahlstümpfe vor wenigen Jahrzehnten noch vorhanden waren. Vermutlich war es der Stammsitz derer von Ruyst (1346 Bernhard Ruyst, 1391/92 Henneke Dolghe to Rust, ein Straßenräuber). Die  deutschen Bauern errichteten ihr Dorf aber etwas abseits, an heutiger Stelle. Das alte wurde von seiner Bevölkerung aufgegeben.

Ein weiterer slawisch/frühdeutscher Siedlungsplatz liegt am Glockenmoor. In seiner Nähe pflügte man am 15. Oktober 1849 ein zinnernes Gefäß mit Silbermünzen aus. Diese Siedlung erlitt das gleiche Schicksal wie die bei Ruest, nur mit dem Unterschied, daß keine Nachfolgesiedlung entstand.Noch eine frühdeutsche Siedlung und Befestigung befindet sich auf der Feldmark. Im äußersten südlichen Zipfel erhebt sich der Bollwerk (Hufe Hans Möller). Es ist ein sagenträchtiges Stück Land, auf dem in der Vergangenheit wiederholt Funde aufgelesen wurden (Ketten, Scherben etc.). Auch die Stelle eines alten Brunnens ist bekannt. Im 19. Jahrhundert hielt man  diesen Platz für einen slawischen Burgwall. Inzwischen ist eindeutig erwiesen, daß es sich hierbei um einen frühdeutschen Turrnhügel mit beiliegender Siedlung handelt, die den Namen "Neuhof" (Nygenhof) trug. Es ist jener Hof, der in der Urkunde von 1354, als die Region um Mestlin vorn mecklenburgischen Fürsten Nikolaus von Werle an Dankward von Gustävel als Lehen vergeben wurde, genannt wird. Slawische Scherben fanden sich bisher nicht. Jedoch verfügen zwei Anhöhen, dem Burgberg gegenüber auf der anderen Seite des Floßgrabens, über typische Flurnamen: Der kleine und der große Rugberg, schon auf Mestliner Seite. Hier sind am ehesten slawische Siedlungsplätze zu vermuten.

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Dorf und Feldmark Ruest bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts

(B. Keuthe)

Die erste Nachricht über das Dorf Ruest übermittelt eine Urkunde vom 27. Februar 1352, in der Dankward von Gustävel und sein Sohn Johann eine Vicarei zu Mestlin mit Hebungen aus dem Ort Mestlin ausstatten und dabei von 10 Ruhten Acker gesprochen wird, die am Wege nach Ruyst" liegen.

Ruest, Mestlin, Mühlenhof (auch Hof Mühlenfeld genannt) und die nicht mehr existierenden Dörfer und Siedlungen Neuhof, Hohen Augzin (an dessen Stelle heute Vimfow steht) und Glowecke, alle auf der Mestliner  Feldmark gelegen, bildeten Mitte des 14. Jahrhunderts ein zusammenhängendes Gebiet, welches sich im Besitz des mecklenburgischen Fürsten Nicolaus von Werle befand. In der oben bereits genannten Urkunde von 1352 wurden 18 Mestliner Bauern namentlich genannt. Die Directorialvermessungskarte von 1777 zeigt noch 15 Bauernhöfe, zusätzlich den Gutshof an der Kirche, einen Forsthof und zwei Höfe des Schulzen. Die Höfe erstreckten sich zu gleichen Teilen beiderseits der verbreiterten Dorfstraße, die in Ost-West-Richtung angelegt ist. Ein äußerst ähnliches Bild erhalten wir von Ruest. Die erste urkundliche Nachricht 1540 spricht von 18 Bauern im Dorf. Dort gab es keinen Ritterhof. Die Karte von 1777 läßt erkennen, daß die Bauernhöfe wie in Mestlin zu beiden Seiten des durch den Ort führenden Weges lagen.

Erst nach dem Dreißigjährigen Krieg änderte sich die Anzahl der im Dorf vorhandenen Bauernstellen. Man kann davon ausgehen, daß Ruest und Mestlin zu gleicher Zeit irgendwann in der Mitte des 13. Jahrhunderts  als deutsche Dörfer angelegt wurden. Üblicherweise erhielten die Bauern bei der Ortsgründung oder der Umwandlung eines slawischen Dorfes nach deutschem Recht eine Hufe von 10,4 ha Größe zugeteilt. Im 16. Jahrhundert legte man vielerorts zwei Hufen, Sand- oder Hakenhufen genannt, zu einer größeren von 20,8 ha zusammen. Berechnungen ergaben, daß die Ruester Bauern, wahrscheinlich genauso wie die in Mestlin, von Anfang an je 20,8 ha bewirtschafteten. Das ist eine Besonderheit, die vielleicht durch die direkte Einflußnahme der mecklenburgischen Fürsten erklärt werden kann, die hier als Lokatoren (Ortsgründer) wirkten. Die damals betriebene Feldwirtschaft (Dreifelderwirtschaft) verlangte die Einteilung des zur Verfügung stehenden Ackers in drei Schläge, wobei jeder Schlag entsprechend der Anzahl der Bauern weiter unterteilt wurde. Auf der Karte von 1777 sind  die drei Schläge, obwohl als solches nicht bezeichnet, noch zu erkennen. Der eine lag nördlich vom Dorf, die beiden anderen nebeneinander westlich davon. Daraus ergibt sich auch, daß die Feldmarkgrenze im Südwesten anders verlief. Hier ging nach dem Untergang des namenlosen Dorfes am Glockenmoor ein Teil dessen Feldmark in die Ruester ein. Die Scheide verlief ursprünglich vom Ellersoll im Süden über Capit, Petersberg, Hasselholtz zum  Blanckeding an der Hohen Pritzer Scheide. Nach 1777 wurden die im Gemenge befindlichen Ackerstücke der Bauern neu aufgeteilt. Das stand im

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Zusammenhang mit dem Übergang von der Dreifelderwirtschaft zur effektiveren Koppelwirtschaft. Sieben Schlage umringten nun das Dorf vom Süden im Uhrzeigersinn. Sie erstreckten sich bis an den Weg Sternberg-Mestlin und wurden allgemein im damaligen Sprachgebrauch als Binnenschläge bezeichnet. Die Gegend am Büthberg unterteilte man in sieben Zuschläge, die sogenannten Butenschläge. Ähnliches geschah in Mestlin. Die große Fläche der Feldmark teilte man folgendermaßen ein: Um das damals als Meierei entstandene Vimfow, entgegen dem Uhrzeigersinn und im Süden beginnend, sieben Schläge, ebenfalls in gleicher Art weitere sieben Schläge um  Mestlin und nochmals sechs Schläge westlich Mestlins entlang der Groß Niendorfer und Ruester Scheide. Die Vermessung scheint 1829 erfolgt zu sein. So ergab sich jetzt die Situation, daß vom Gutshof Mestlin die Schläge in unmittelbarer Umgebung des Ortes bearbeitet wurden, während die im Ort verbliebenen Bauern die sechs Schläge außerhalb an der Groß Niendorfer und Ruester Grenze zugeteilt bekamen. Das führte letztendlich zur Aussiedlung der  12 Mestliner Bauern 1832/33 in die Ausbauten und deren Zuteilung zur Ruester Feldmark. Mestlin war fortan ein reines Gutsdorf, während Ruest zum großes Bauerndorf aufgewertet wurde.

Inwieweit sich Bauern slawischer Herkunft bei der Gründung im Ort niederließen oder in die Dorfgemeinschaft einbezogen wurden, läßt sich anhand fehlender Materialien nicht eindeutig nachvollziehen. In Mestlin scheinen es nach der Urkunde von 1352 im besten Falle zwei gewesen zu sein, also eine geringe Zahl. Wobei deren Namen (Kowalek und Dobbin) ihre Herkunft bezeichnen könnten, also nichts aussagen brauchen zur Abstammung. Eine  Untersuchung von Witte zur Häufigkeit slawischer Personennamen weist für 1540 in Mestlin fünf Personen mit slawischem Namen aus (3x Dolge, Genderich, Prislaff). Diese Mestliner werden 1352 aber namentlich nicht genannt, zogen wahrscheinlich in folgender Zeit zu oder waren ansässig und konnten aus verschiedensten Gründen erst später eine Bauernwirtschaft übernehmen. Das zeigt, daß Bauern slawischer Herkunft bei der Ortsgründung vermutlich  keine Berücksichtigung fanden. Die Arbeit von Witte verzeichnet aus den Landbedeakten von Dobbertin 1540 in Ruest drei Familien, die slawischer Herkunft sein könnten (2x Dolge, Passtene).

Es ergibt sich auch die Frage nach der Herkunft der Ortsnamen. Der Name Mestlin ist eindeutig slawischen Ursprungs (Brückenort). Die Brücke, worauf er sich bezieht, ist am Dorfende in der Skizze des Anhangs  gut zu erkennen. Das Wort Ruest soll ebenfalls dem Slawischen entstammen und sich auf den Mäusedorn (Pflanze, polnisch ruszczek) beziehen. Germanische Sprachen haben aber gleichlautende Wörter im Bestand, so daß eine Herkunft aus dem Germanischen nicht undenkbar ist, zumal sogar ein Ort gleichen Namens in Holland existieren soll.

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Ruest nach dem Dreißigjährigen Krieg

(J.-G. Nehls)

Durch den Westfälischen Frieden 1648 wurde der Dreißigjährige Krieg beendet, einer der grausamsten und mörderischsten seiner Zeit. Plünderungen und Brandstiftungen waren an der Tagesordnung. Die  verrohte Soldateska schreckte vor nichts zurück. Ein zerstörtes und verwüstetes Land hinterließ die Walze des Krieges, die Einwohnerzahl war auf ein Drittel dezimiert.

Auch unsere Heimat blieb von dem Übel nicht verschont. Um 1638 grassierte die Pest und raffte viele Menschen dahin. Die Bevölkerung versteckte sich in Moore und Wälder. Häuser wurden bei  Lagerfeuern verbrannt. In den Inventarien findet man immer wieder den Satz: “Der Bauer ist tot mit all den Seinen, der Hof liegt darnieder, der Acker ist wüst." Besonders der Strich von Parchim nach Wismar und Rostock  war Kriegsschauplatz, wo die Kaiserlichen, Sachsen und Schweden an Raub und anderen unmenschlichen Grausamkeiten einander zu übertreffen suchten.

1696 sind 6 Stätten in Ruest wieder bebaut und zwar von den Kossaten und Hausleuten Hans Cords minor, Hans Cords, Köster, Soltow, Dolge, Möller. Ein neuer Aufbau begann also.

Folgende Hausleute und Kossaten waren bis 1704 in Ruest: Soltow, Stralendorff/ Wiese, Hans Cords minor, Möller, Dolge, Soltwedel, Sülocke (Zülck), Köster, Hans Cords. Und in Mestlin: Hinrich Cords, Hans Hohe, Soltwedel, Hartwich Cordes, Westphal/Behrens, Kröger, Dolge, Nehls, Welzin, Jochim Cords minor.

Ein Kossate besaß eine Kote (Kate) und die sie umgebende, teilweise gärtnerisch genutzte Woort (Wuurt). Das Regulativ von 1753 regelt die Verhältnisse der Büdner und enthält Einzelheiten über Größe, Bau,  Pflichten und Erbrecht.

1704 hatte Mestlin mit Mühlenhof 109 Einwohner, Ruest 67 (Beichtkinderverzeichnis von 1704). Im Siebenjährigen Krieg hatte Mecklenburg erneut zu leiden. Es war eine unerschöpfliche Vorratskammer zur  Selbstbedienung der Preußen. Alles, aber auch alles wurde aus dem Land geschleppt: Getreide, Vieh, Geld und Menschen (z. B. 4935 Rekruten). Auf den mecklenburgischen Mehlsack wurde so lange geklopft, bis nichts mehr herauskam. Und trotzdem ging es, wenn man den alten Aufzeichnungen glauben soll, bergauf.

Ein Beispiel:

Hans Cords, der Jüngere (minor), hatte am 2. Mai 1647 einen Katen von Dinnies Rusbüldt, Nr. 5, dazu 9 Morgen Saatacker, 1 Woort von 2 Scheffel; 16512 Ochsen, 1 Kuh; 1656 9 Stück Rindvieh; 1657 das erste  Pferd. 1663 2 Pferde, 4 Ochsen, 2 Stiere, 2 Kühe, 1 Starke, 2 Schweine, 1 Schaf. 1677 2 erwachsene Kinder, 4 Pferde, 11 Rinder, 7 Schweine, 8 Schafe. 1681 verheiratet mit Sophie Sülvken (Zülck), kommt in allen Registern bis  1705 vor. 1710-1744 hatte Hans Cords der Jüngere 80 Scheffel Saatland, 4 Pferde, 8 Rinder, 6 Schweine u.a. 1735 heiratete Hans Nehls die Tochter Maria Cords, sein Vater war Thies Nehls. 1709 steht in den Registern Hans Adam Nehls, Hausmann auf Nr. 5.

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1751 sind in Ruest 106 Beichtkinder verzeichnet, in Mestlin 179. 1785 wurde die Schmiede in Mestlin als letztes Gebäude der Abendseite an der Straße nach Sternberg erwähnt. Dort stand es noch 1960. Der  Schmiedekaten lag auf der gegenüberliegenden Seite, wo später der Klosterkrug war. 1795 sind Schulze Hahn und Bauer Wiese Kirchenjuraten.

1803 sind Hausleute und Kossaten in Ruest: Schulze Hahn, Friedrich Wiese, Hans Sternberg, Michel Sternberg, Borchert, Krüger Rieck, Zülck, Stüdemann, Friedrich Cords.

1783 sind in Mestlin: Johann Eckelberg, H. J. Garling, Ehmck, Köpcke, Hans Adam Nehls, Westphal, Hans Jakob Kröger, Jochim Nehls, Johann Kröger, Johann Karl Wiese, Friedrich Garling, Soltwedel, Friedrich  Cords, H. J. Eckelberg (siehe auch Ortspläne Mestlin und Ruest von 1777).Seit 1806 bis zu den Befreiungskriegen dauerten härteste Plünderungen durch napoleonische Truppen an. Mecklenburg-Schwerin gehörte zum Rheinbund. 1812 zogen mecklenburgische Soldaten in Napoleons Armee nach Moskau. 1815 war endlich Frieden. Das Volk und das Land erholten sich wieder. 1830 hatte Ruest 9 3/4-Hüfner, Kirche, Schule und Erbkrug. Mestlin besaß 12 3/4-Hüfner,  Pfarrkirche, Förster, Windmühle, Klosterkrug, Schmiede, Ziegelei und Schule.

Vererbpachtung

(J.-G. Nehls)

1832 wird der erste Schritt zur modernen Ackerwirtschaft, also aus der Zerstückelung der Flächen zur Arrondierung, getan. Als Zeitpächter waren die Bauern immer noch gewissen Unsicherheiten am Ende ihrer Kontraktjahre ausgesetzt, was sich zum Beispiel negativ auf die Entwicklung der Feldkultur auswirkte. So hüteten sich die "Hauswirte", Verbesserungen an ihren Ländereien vorzunehmen, weil sie nicht sicher wußten,  ob ihre Hufen nicht nach wenigen Jahren in den Besitz anderer übergehen würden. "Mit der Vererbpachtung sollten die Bauern Eigentümer ihrer Ländereien und Hofstellen werden, d. h., die ihnen als Hauswirte auf Zeitpacht vom Kloster zur Verfügung gestellten Produktionsmittel (Hofwehren) sollten in den bäuerlichen Besitz überführt werden."

Für das erbliche Nutzungsrecht mußten die Bauern einen jährlichen Kanon in Gestalt einer unveränderlichen Geldsumme zahlen, welche als erste Hypothek auf der Hufe eingetragen und mit jährlich 4% verzinst  wurde. Das Wort "Erbpächter" ist außerhalb Mecklenburgs ungebräuchlich. Statt der in kleinen Streifen zerschnittenen Bauernfelder rings um das Dorf sah man nun große Ackerschläge, zwischen denen Bauernhöfe lagen (Ausgebaute), die sich an Größe und Bauweise kaum unterschieden. Doch auch die recht bescheidenen Rechte der Inhaber der rechtskräftigen Erbpachtkontrakte suchten die Dobbertiner Klostervorsteher nachträglich so weit wie  möglich zu schmälern, indem sie den Erbpächtern 1855 sogenannte Additional-Akten zu ihren Kontrakten aushändigten. Danach sollten nunmehr auch die (von den Bauern selbst errichteten oder zum vollen Kaufpreis erworbenen)  Gebäude einem erblichen Nutzungsrecht unterliegen. Vor allem aber wurde durch die Additionalakten das Veräußerungsgsrecht der Erbpächter erheblich eingeschränkt. Die betroffenen Klosterbauern, allen voran die Ruester  Erbpächter, nahmen die Angriffe auf ihre kontraktlich fixierten Rechte nicht hin. Sie setzten sich gemeinschaftlich zur Wehr und erreichten schließlich im Jahre 1869 (mit Unterstützung der kleinen Schar liberaler, bürgerlicher Rittergutsbesitzer im Landtag) eine Revision der Additionalakten, die de facto auf die weitgehende Aushebung der Zusatzakte hinauslief. Die Vererbpachtung sollte sich langfristig nicht nur für die Klosterbauern  als vorteilhaft erweisen, die Klosterämter profitierten in hohem Maße von der Reform.

Summa summarum: Wenn der Weg der mecklenburgischen Klosterbauern aus feudaler Abhängigkeit gewiß nicht idyllisch verlaufen ist, so war er doch keinesfalls derart dornenreich wie der, den die Bauern in den  ritterschaftlichen Ämtern gehen mußten (Prof. Dr. Moll, 1994).

Um 1900 wird von einer gewissen Wohlhabenheit gesprochen. Es kursierte der Satz: “Die Ruester Bauern fühlen sich als kleine Könige in ihrem Reich!" 1833 kamen Mestliner Bauern nach Ruest in den Ausbau,  auch Neu-Ruest genannt. Der Ruester Krug (Erbkrügerhof, Hufe 1) und Büthberg (III) wurden auch 1832/33 errichtet. Der Büthberghof hatte die Größe von 87 ha, was sicher mit teilweise schlechterem Boden und Moor zusammenhing (Franz Engel, 1934). Die Ausgebauten gehörten weiterhin zur Mestliner Kirche und die Kinder gingen in Mestlin zur Schule. Das blieb so bis 1945, als Ruest die Größe von 1351 ha hatte und der Büthberg von 137 ha.

Wenn auch die Abhängigkeit vom Klosteramt aufhörte, so änderten sich die Abgaben, die weit höher lagen als im Klosteramt. Im gehabten Stil wirtschafteten die Bauern weiter, sie mußten Schulden machen, was nicht gut war. Trotzdem blieben sie "Könige". Doch kein Hof mußte zwangsversteigert werden. 1927 verkaufte Grund seine beiden Höfe (111 und V) an F. 0. Gehrkens. Beide Hofe blieben im Grundbuch bis 1945 getrennt aufgeführt. Auch Pingel (XXII) verkaufte an Steinfatt. Voss-Garling (XI) mußte kurz vor dem 2. Weltkrieg seinen Hof an Paul Holz verkaufen. Und Hermann Rieck (1) verkaufte um 1926 an Johann Brenncke, einen anderen Teil an Ferdinand Rüter, später an Johannes Blodow. Der Kanon wurde abgelöst (Gesetz über die Ablösung der bäuerlichen Lasten vom 6. April 1933, Fassung vom 1. Juli 1935, Reg.BI.St. 183) durch eine Tilgungshypothek in Höhe von 212 1, 10 Goldmark, 5 % jährlich mit 1 % Tilgung. Neben den 26 Ruester Bauern gab es noch Häusler und Büdner. 1933 waren Büdner: Lorenz und Ferdinand Rüter, Häusler: Bobzin, Prestin, Squarr, Lappe, Wilhelm Dau, Ernst Rüter.

Der 2. Weltkrieg brach aus, die jungen Männer zogen in den Krieg. 15 Ruester fielen an den Fronten. Am 3. Mai kam das Inferno nach Ruest. 5 Personen nahmen sich das Leben, 4 Bauern wurden nach Fünfeichen  verschleppt. Marten und Wolfram Cords kamen zurück, während Jarchow und Westphal ihr Leben lassen mußten. Ehrncke und Soltwedel wurden mit ihrer Familie ausgewiesen, kamen aber nach drei Wochen zurück. Bei dem Rücktransport  starb Frieda Ehmcke in Parchim. So hatte der 2. Weltkrieg seinen Blutzoll mit 23 Personen gefordert, das war immerhin ein Zehntel der Bevölkerung.

1952 endete das Bestehen des Dorfes Ruest, weil die Bauern und einige Neubauern ihre Heimat fluchtartig verließen. Möge die Zeit kommen, wo aus den Ruinen wieder ein blühendes Dorf erwächst.

Säen und Ernten

(J.-G. Nehls)

1908 gab es in Ruest 1 Dampfdrescherei-Genossenschaft mit 2 Lohndreschern, 1 Dampfsägerei mit Holzhandlung (XXIII) und die Dampfmolkerei. Der maschinelle Besatz wurde erst nach dem 1. Weltkrieg wesentlich  verbessert. Gemäht wurde in der Frühzeit mit der Sense. Die Frauen mußten die Garben binden, dann wurden die Garben in Hocken aufgestellt. Die Garben fuhr man bald darauf mit Leiterwagen in die Scheunen oder es wurden Kornmieten aufgesetzt, die im Spätherbst ausgedroschen wurden. In den Scheunen drosch man erst im Winter. In späteren Jahren wurde mit der Loppmaschine gemäht, dann kam der Mähbinder auf, gezogen von vier Pferden. Diese  ersetzte dann ein Traktor. Einen Mähdrescher gab es vor der Verödung in Ruest nicht.

In früherer Zeit drosch man mit dem Dreschflegel, dann kam die Breitdreschmaschine auf, angetrieben mit dem Göpel im Pferdezug und untergebracht in einer Göpelscheune. Es gab dann die Dreschmaschine, die  angetrieben wurde durch eine Dampflokomobile oder Benzolmotor. Die Maschinen waren sehr schwer und mußten meistens, infolge der schlechten Wegeverhältnisse im Herbst und Winter, mit 6-8 Pferden gezogen werden.Rudolf Cords  (XXI) hatte schon eigene Stromversorgung vor dem 1. Weltkrieg. Der Büthberg und Garling (XIV) hatten seit etwa 1928 eigene Elektrizität. Das Dorf erhielt bald nach dem 1. Weltkrieg Elektrizität, die Ausgebauten erst 1930. An Ackergeräten ist der Haken besonders hervorzuheben. Auf manchen Höfen tat er noch 1951 seinen Dienst.

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Das Glockenmoor und die Lage des Dorfes Nepersmühlen

(Erstmalig veröffentlicht in den Jahrbüchern des Vereins

für mecklenburgische Geschichte und Altertumskunde, Bd. 15, 1850)

Der Ruester Münzfund hat Veranlassung zu interessanten Nachforschungen anderer Art durch der Herrn Klosterhauptmann Baron Le Fort zu Dobbertin gegeben, welche wir im Nachfolgenden mitteilen.

Unweit der Stelle auf der jetzigen Ruester Feldmark, wo jetzt die goldberg-stemberger und schwerin-wahrensche Landstraße sich kreuzen und die von Crivitz herkommende einfällt und wo bei Regulierung der  rüst-mestliner Bauernschaften im J. 1833 daß Erbkruggehöft hingebauet ist, befindet sich eine moorige Wiese, das "Glockenmoor" genannt, welches auch auf der großen Schmettauischen Charte westlich von Ruest steht.

Auf dem von Süd nach Südwest dahin abfallenden Felde, und zwar auf dem für die kleineren Leute in Ruest reservierten Acker soll in frühem Jahrhunderten ein Dorf gestanden haben, und zeigt der Boden noch jetzt beim Ackem Grus und Bruchstücke von Mauerstein; ja alte Leute besinnen sich, dort noch Reste von Steinmauern und Steindämmen gesehen haben. So viel ist gewiß, daß noch jetzt dieser Teil des Feldes "de Dörp-Städ" (die Dorfstätte) heißt und nicht weit davon "de Wuhrs" (die Worthen, den Gehöften zunächst liegende Äcker) liegen.

Auf dieser alten Dorfstelle, nur einige Ruhten vom Rande des Glockenmoores entfernt, auf einer fast unmerklichen Erhöhung sind die Münzen ausgepflügt. Es ist die Frage, welches Dorf auf dieser Dorfstelle gestanden habe. Die ältesten Einwohner des Dorfes Rüst wissen darüber nichts, meinen jedoch, es möchte wohl in älteren Zeiten dort das Dorf Rüst gestanden haben, welches später an seine jetzige Stelle versetzt worden sei. Darin stimmen aber die Erzählungen der Einwohner überein, daß das untergegangene Dorf ein Kirche mit Glocken gehabt habe, welche noch in dem "Glockemoor" versunken liegen und zu der unten mitgeteilten Sage  Veranlassung gegeben haben sollen. Das untergegangene Dorf kann aber Ruest nicht gewesen sein; denn Rüst hat eine eigene, sehr alte Kirche aus der Zeit des Uebergangsstyles mit hoch in der Feldsteinwand angebrachten, mit  einem fast unmerklichen Spitzbogen gewölbten Fenstern. Das jetzige Dorf Rüst ist also ein sehr altes Dorf und das untergegangene Dorf muß selbständig neben Rüst gestanden haben. Freilich ist es auffallend, daß zwei Kirchendörfer nur etwa 450 Ruhten weit von einander lagen.

Das untergegangene Dorf war ohne Zweifel Nepersmühlen. Das Dorf Nepersmühlen oder in alter Zeit Newopersmühlen, ohne Zweifel von einem wendischen Edlen Newoper so genannt, war im J. 1280 dem Kloster Sonnenkamp oder Neukloster von dessen Propste Johann geschenkt, der das Dorf mit Mühle (und Krug) kurz vorher aus eigenen Mitteln gekauft hatte. Am 18. Julii 1306 verlieh der Fürst Heinrich von Mecklenburg diesem Kloster  den ganzen See von Nepersmühlen und das Patronatrecht der Kirche im Dorfe und des Filials Dabel. Durch die Säkularisierung kam das Dorf an die Herzöge von Mecklenburg, welche es im J. 1583 gegen Matersen an das Kloster Dobbertin vertauschten.

Ungefähr 1000 Ruhten von der alten "Dorfstätte" liegt der Nepersmühlensche See, jetzt auch Kl. Pritzer See genannt. Dazwischen liegt jetzt Rüster, Hohen Pritz und Kl. Pritzer Feld. In diesen drei Feldmarken wird also die Feldmark Nepersmühlen untergegangen sein, jedoch ist es nicht klar, wie und warm. Jagd und Fischerei auf dem See hat das Kloster erst im J. 1805 an Kl. Pritz abgetreten. Auf der Dorfstätte beim Glockenmoor lag also ohne Zweifel das Kirchdorf Nepersmühlen, von welchem noch auf der großen Schmettauischen Charte die Neper- oder Nepersmühler Mühle lag.

In der Gegend von Rüst lagen früher noch zwei wüste Feldmarken: Possehlsdorf, jetzt Sehlsdorf, und Kölpinsdorf oder Kölpin, welches wohl in dem jetzigen Sehlsdorfer Forstreviere zwischen Mühlenhof, Augzin, Techentin, Hagen und Sehlsdorf lag. Im J. 1446 verkauften die Brüder Deneke, Heinrich und Wedege Weltzin dem Kloster Dobbertin 8 Hufen in Kölpinstorf; im J. 1535 wird das Dorf schon als wüst bezeichnet. Von diesen beiden  Dörfern kann auf der "Dorfstätte" keines gelegen haben.

Die Glocken der Kirche (zu Nepersmühlen) sollen nach der Sage in dem Glockenmoor versunken sein, welches davon seinen Namen führen soll. Es lebt über diese Glocken bei den Bewohnern des Dorfes noch manche  Sage, welche im folgenden der Herr Klosterhauptrnann Le Fort aus dem Munde der Leute gehört und niedergeschrieben hat.

Der Erbkrüger Rieck unter andern ist stets der Überzeugung, daß die Glocken noch in dem Moor liegen und herauszuholen wären, und zeigt genau die Stelle, wo sie liegen. Eine alte Bauernwitwe Nehls, auch  "Schnack-Nehlsch" oder "Trin Nehls" genannt erzählt Folgendes:

Von ihrem Großvater habe sie gehört, das dessen Vater, als er noch ein kleiner Knabe gewesen sei, mit den anderen Dorfkindern gegen Abend die Gänse beim Glockenmoor gehütet und zu Wasser getrieben habe. Wäre  es dann helles und stilles Wasser gewesen, so wären die Glocken wohl über dem Wasser sichtbar geworden. Die Knaben habe es dann erfreut, mit ihren Peitschen an die Glocken zu schlagen und diese zum Klingen zu bringen.  Hätten sie nun so oft daran geschlagen, als der Küster des Abends die Betglocke stößt, so habe eine Stimme ihnen zugerufen: “Nu is't nog!" (Nun ist es genug). Wäre dann einer von ihnen so unvorsichtig gewesen, die Glocke zu berühren:" plumps wihren se werrer weg" (Plumps, waren sie wieder weg.) - Sie selbst, die alte Nehlsche, will die Glocken ein Mal läuten gehört haben. Der selige Erbkrüger Jahnke war eines Tages bei ihr  zum Besuche. Während des Gespräches fragte er plötzlich: “Trin Nehlssche, hührst Du uns' Klocken nich?"-"0 wat”, antwortete sie, "de Küster Köster is just up sinen Acker gahn; dat mägen wol de Mestliner oder de Hohen-Pritzer Klocken west sihn.”-“Ne", sagte er, "dat sünd uns' Muhr-Klocken" (das sind die Moor-Glocken), "de mehn ick"-"Un, wiß un wahrhaftig, Herr Klosterhauptmann", fügte Trin Nehlssche  hinzu, "As ich recht to führt, Don klüng' dat ganze Muhr."(Die Auffassung aus der Mitte des 19. Jahrhunderts über die Lage der Nepermühle und des dazugehörigen Dorfes hat sich nicht bestätigt. Nach  wie vor bleibt der Name des wüsten Dorfes am Glockenmoor unbekannt.    B. Keuthe)

 

Sagen von Dorf und Feld Ruest

(gesammelt von B. Keuthe)

Die Hexen von Ruest

Einstmals zog sich von Ruest ein malerischer Feldweg über die hügeligen Äcker nach Mestlin hin. Jetzt ist er schon lange umgepflügt, aber die Erzählungen der Alten von einer Spukstelle am Weg sind bei einigen  noch im Gedächtnis. Etwa auf halber Strecke, da wo die Grenze zu Mestlin entlangging, floß ein kleiner Bach, der Teufelsgraben. Unweit davon lag die Hexenkuhle.

Und auf der gegenüberliegenden Seite, nach Kadow hin erhob sich der Blocksberg. Hier war es, wo sich die Hexen in der Walpurgisnacht mit dem Teufel trafen und ihre Orgien feierten. Doch da es die Hexen ein ganzes Jahr ohne Unheil zu stiften nicht aushielten, konnte man sie auch um Mitternacht am Graben antreffen. So mancher, der den Weg des Nachts entlangzog, wurde hier in den Graben gezogen und kam erst des Morgens frei.

Der Silberberg am Ruester Krug

Abergläubische Vorstellungen hielten sich besonders in ländlichen Gegenden lange. Die Menschen sahen in ihnen ein Mittel, um den Naturgewalten zu trotzen. War es doch mitunter die einzigste Hilfe.

Die Landschaft am Ruester Krug kennzeichnen weite Felder. Die hohe Lage und der wasserreiche Boden gefährden die Bevölkerung bei Unwettern und häufig trug die Siedlung durch Blitzschlag Schaden davon. Da, wo jetzt die ausgedienten Viehställe stehen, befand sich früher ein Hügel. Es kann ein Hügelgrab gewesen sein, denn am Weg, der nach Ruest führt, ist auf alten Karten ein "Silberberg" eingezeichnet. Vielerorts werden so noch erhaltene Hügelgräber benannt, warum sollte es hier anders sein. Bis in unser Jahrhundert hinein stand der Hügel. Weil der Boden, auf dem er sich erhob, guter Mergel war, den man zum Düngen für die Felder brauchte, legte die Bauern im Ort in seiner Nähe eine Mergelgrube an, die sich dem Grab allmählich näherte. Eines Tages ragte es wie eine Insel aus der Grube heraus, das war noch, als der alte Köpcke lebte. Er hatte eine besondere  Beziehung zu diesem Ort, worauf im weiteren eingegangen werden soll.

Für manche im Dorf war der Fleck ein heiliger Ort. Denn so manches Gewitter entlud seine Energie mit gewaltigen Blitzen ausgerechnet in diesen Hügel, der so

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den Schaden von den umliegenden Häusern abwendete. Darum errichtete man auf dem Hügel ein Kreuz und kam hierher zum Beten, vor allem, wenn schlechtes Wetter drohte.

Auch Großvater Köpcke tat dies, denn sein Hof lag genau gegenüber auf der anderen Straßenseite. Er hatte soviel Ehrfurcht vor diesem wie ein Blitzableiter dienenden Grab, daß er, bevor er sich auf den Weg zu einer Besorgung machte, das Grab umrandete und erst dann die gewünschte Richtung einschlug. Den in der Umgebung wohnenden Leuten blieb das nicht verborgen und bald erzählte man sich in Unkenntnis der Zusammenhänge vom  seltsamen Verhalten des Mannes. Er solle nicht den Weg nach Ruest gehen können, ohne von einer unsichtbaren Kraft ins Gesicht geschlagen zu werden. Seitdem würde er nicht mehr die Straße benutzen, sondern an der bewußten  Stelle vom Weg abweichen und lieber auf dem Acker entlanggehen.

Der Leser weiß, wie es sich wirklich verhielt. Das Hügelgrab fiel irgendwann in unseren Tagen der Schaufel zum Opfer. Nun toben die Unwetter wieder und richten so manchen Schaden an.

Der Reiter vom Ruester Bollwerk

Im südlichsten Zipfel der langgestreckten Ruester Feldmark erhebt sich inmitten der Wiesen eine Anhöhe, Bollwerk genannt. Alle Wiesen um diese Erhebung herum standen in grauer Vorzeit unter Wasser und bildeten einen flachen See. Dessen Ufer reichten bis Mestlin und Lenschow. Obwohl er sehr flach war, konnte er wegen seines morastigen Untergrundes weder zu Fuß noch zu Pferde passiert werden. Erst als der Floßgraben  gezogen wurde und sich der See entwässerte, nahm die Gegend die heutige Gestalt an. Von dem Bollwerk jedoch erzählten sich die Ruester manche gruselige Geschichte.

Vor langen Zeiten standen auf dem Bollwerk Burg und Dorf. Auf der Burg lebte ein gütiger Ritter, der wegen seiner Taten im weiten Umkreis hohes Ansehen genoß. Auch die Goldberger achteten ihn sehr und ernannten ihn zu ihrem Ratsherren. Lange lebten die Einwohner glücklich und zufrieden. Eines Tages wurde dem Ritter ein Sohn geboren. Der schlug aber ganz aus der Art. Als der Vater gestorben war und er Herr über die Burg wurde, flohen seine Einwohner vor dem grausamen und hartherzigen Sohn. Da begann er in den umliegenden Dörfern zu rauben und zu plündern. Manchmal fuhr er mit dem Kahn zum Lenschower Ufer. Dort hauste ein anderer  Raubritter. Beide machten oft gemeinsame Sache. Sie überfielen an der nahe vorbeiführenden Handelsstraße Parchimer und Lübzer Kaufleute, raubten sie aus und töteten sie. Bald hatte der Raubritter einen großen Schatz zusammengestohlen. Glücklich wurde er damit jedoch nicht. Eines Tages nahm man ihn gefangen und verurteilte ihn zum Tode. Seine Burg wurde zerstört und dem Erdboden gleichgemacht. Der böse Ritter jedoch fand nach seinem Tode keine Ruhe. Wenn es Mitternacht schlägt, steigt er aus seinem Grab, schwingt sich auf sein Pferd und reitet, seinen Kopf unter dem Arm tragend, zum Bollwerk.

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Dei Ruester Johrmarkt

(Ein Vertellens von Max Dauber)

Wenn in Rüst Johrinarkt is, kahmen ümmer val Minschen mit dei Isenbahn an, dei dor hannel oder sick einen gauden Dag maken willen. Dor kahmen Wismarsch Aalfrugens, ut Stiernbarg Kirls mit Stäwelsmehr un  Hosenträgers, mit Twirn un Band. Un ut Gollbarg ne Fru mit Muhlschellen. Ok Korl Haker, dei upn Bahnhof dad Seggen had, had sich all Slips un Billerbogen ümbunnen, must äwer noch soveil lopen un handslagen, dat bei all dei  Minschen in Urt un Stell kreg.

 "Seg mal", säd ein Kirl tau ein, "geiht dor woll bäten von drögen Fautstieg nah Rüst? Ik bün mal vor Johrener fief hier wäst, don hew ik de Slarpen bannig vull hatt." "Dat kann all angahn. Upn Rüster Mark hätt sack all mennig Kirl en Snuppen weghalt."

Dei Kirl lacht sik wat un schöw um dei Eck. Ik will mit mienen Packen nah den Rüster Mark," kreit ne öllerhafte Fru, "hölt hier wull ein Führwark, wur ik uphakken künn?" "Ne, sowat hebben wi hier nich. Denn harst gestern kahmen müst. Denn wir ein Wagen dor, dei wull Besauk halen." "Dad is äwer schad. Segg mal, hest du woll'ne Schuwkahr tau Hand, dei ik en Ogenblick nahmen kunn?"

"Dad kann ik nich. Ik will dei Meßbucht ledig kam un mot sei sülbst brucken." Dei Olsch hept mit ehren Packen ok um dei Eck.

 "Na, Bahnmeister, wur süht mit ein Spickal ut? lk will tau Rüster Mark. Den Bum wal dat vele Speckfreten nu woll äwer sien, un sall sick nu mal mit'n Spickaal äwer't Mul straken."

Et dorbi schrägelt sei ok üm dei Eck. Nu kahrnen noch poor Kirls un poor Frugens lang, sei säden äwer nicks und Korl Haker säd ok necks. Hei kunn nu endlich an sien Meßbucht danken. Aewer all sien Gedanken kregen mitmal ein bannigen Ruck. Ein junges Frugensminsch in son niemodsch Kledasch stünn noch vor ein, dat Korl sien beiden Ogen tauglick sprieten müß. Dunnerlüchten, dacht bei so bi ein, sowat hew ik hier noch nich tau seihn kregen. Dat Ding wist di mal ens dichting bikiecken. "Na, Frolein",säd bei, "Sei willen ok woll tau Rüster MarkT' Korl kreeg kein Antwurt. "Sei hürn ok woll tau dei Komodianten, dei bi en Kraug  ubbugt hebben un willen dor ok Komörnistreich maken?"

Dat Ititt smucke Ding smet den Kopp in Nacken un frög unsen Korl:"Sagen Sie mal, wie komme ich zum Tunnel?"

“Ha, ha”, denkt Korl so lies' vör sick, "hochdütsch snackt sei ok, denn is sei ok von dei Kommödi. Un rot het's sich ok in't Gesicht anmalt un nach ein Tunnel frogt sei ok, denn is sei gewiß ut dei  Grotstadt!' "Sie wollen hier därch ein Tunnel?" sad Korl tau ehr, "dat hew ik in mien lanersch Praxis noch nich belewt," "Was sagen Sie, wo der Tunnel ist?" "Daß Sie wohl aus der Großstadt  gekommen sind, habe ich ihnen auswendig angesehen. Denn bei uns streichen sich die Frauensleute die Backen nicht rot orre blag an. Das is bei uns all die pure Natürlichkeit”. “Reden Sie nicht von Natürlichkeiten. Ich will  schnell durch den Tunnel und damit basta! Wenn ich wegen Ihrer Langweiligkeit die Straßenbahn nicht erreiche, dann tragen Sie die Verantwortung."

Korl Haker fing wedder an tau grübeln. Sei will also mit Gewalt därch den Tunnel. Na wat is't einmal för ein snunig Frugensminsch. Meßführen wull hei, un nu kümmt dei oll dämlich Tunnel dor mank. Hei steit  noch ümmer vor ehr un grübelt. Hei geiht up un dal un grübelt wedder. As hei äwer sien Gedanken all up'n Hürnpen had, säd hei tau ehr: "lk hew mi dei Tunnelgeschicht nu so dörch den Kopp gahn laten. An mi sall dat nich  liggen, wenn Sei nich tau Rüster Mark kahmen. Wenn Sei nu mit Gewalt dürch en Tunnel krupen will'n, denn kann ik Sei nich tau weddern sien. Dei anner Lüd sünd längst äwer alle Barg un mit Sei bliew ik nu hacken." Korl  Haker äwerdacht sich dat noch mal. Hm ja, gahn möt dat so. Wur kein Tunnel is, rnöt son Ding bugt warden. Na, denn man tau. Hei güng wedder vör ehr stahn un säd:.Täuben's man noch 'n lütten Ogenblick. lk will mi einen annem Rock antrecken un ne Schüffel halen. Gahn's man solang up dei Bänk sitten un denn geiht dat up den Tunnel dal."

"Aber Sie müssen sich nun endlich beeilen. Wie lange dauert es noch?" " Ja, dat kümmt woll so hen, as ik dacht hew. So bi drei Daag warden dorbi rutkahmen."

"Drei Tage? Drei volle Tage soll ich noch warten, bis ich bloß erst vom Bahnhof runterkomrne?" schrie sei ein an.

"Dor helpt all dat Jammern nicks. Drei Daag möt ik hebben, wenn ik unner dat Hus ein Lock graben sall, wur Sei mit Gewalt dörchkrupen wia un wur dei Grotstädter denn Tunnel tau seggen. Wenn Sei äwer ok ne Schüffel in dei Hand nehmen wullen un hülpen mi dorbi, denn wirn wi in annerthalw Dag dormit farig. Aewer denn is dei Rüster Mark lang'n vorbi."

"Und eine Überführung haben Sie hier auch nicht?" Eine Überführung?" reep Korl ut luter Freud. ja, das kann glucken warden. Sie haben aber würklich einen famosen anschläglichen Kopp un mi föllt  en großer Stein vom Harten."

Aewer wuraus nu ne Überführung. Korl Haker äwerleggt. Ne Ledder? Ja, dat geiht. Korl kümmt grinig up ehr tau un säd:"So, Frolein, nu hew ik mi wat utklamüstert un dat möt gahn. Sei glöwen gor nich, wur  mi so woll ümt Hart worden is. lk haal ne Ledder, sett sei an't Hus un Sei kladdem dor rup. Gahn denn äwer'r Dack un so sünd Sei mitmal buten. Aewer ik will man glieck seggen, gahn deit dat ok nich. lk möt dei Ledder  wißhollen, dormit Sei nich von baben dal fallen. Un dat kann ik nich wegen dei Schanierlichkeit. Dat künn sien, dat ik ok son rot Gesicht kreeg, as Sei ehr Backen sünd.""Nein, nein", jammert dei lütt smucke Dirn, "und daß nun auch noch. In was für eine ruchlose Gegend bin ich bloß hineingeraten?" "Dicht bei den Rüster Markt sünd Sei", lacht Korl ehr an. Nas haben Sie bloß immer mit dem Rüster Markt, da will  ich ja gar nicht hin. Ich will doch nach Wismar." Zoh, zoh!" säd don Korl Haker, "also nah Wisme. Na denn führn Sei man hen nah Wisme. Dor bruken dei Isenbahners nich eigens för Sei en Tunnel bugen, dei is dor all.

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Die einsame Kirche

(J-G. Nehls)

Ruest wurde im April 1953 von den letzten Bauern "befreit", also zwangsevakuiert und das Land der dortigen LPG Mestlin zugeschlagen. Somit waren neun Bauern dieses Dorfes, die jeweils zwischen 45 und 50 Hektar Land bewirtschafteten, nicht mehr. So war es auch wohlvon vornherein bei der Gründung der LPG Mestlin ge-plant. Zurück blieben Vertriebene aus den Ostgebieten Deutschlands, die den Ort im Laufe der Jahre auch verließen. In Ruest blieben außer vier bewohnbaren Häusern nur Ruinen und die Dorfkirche.

Die Dorfkirche stand einst im Mittelpunkt des dörflichen Lebens. Taufen, Konfir-mationen, Hochzeiten und Beerdigungen. Alles spielte sich hier ab, ohne Kirche nicht denkbar. Die Kirche verlor ihre Bedeutung, nachdem das Dorf durch die seit Jahrhunderten hier ansässigen Bauern leergezogen worden war. Jetzt im Jahre 1993, trug sich die Oberkirchenleitung in Schwerin mit dem Gedanken des Ab-risses. Die Kirche braucht unbedingt eine bauliche Instandsetzung. Doch Gläubige gibt es im Ort nicht. Lohnt sich der Aufwand?- Das ist die Frage, vor der die Kirchenverwaltung steht. Sehen wir uns das altehrwürdige Gemäuer genauer an.

Die frühgotische Kirche stammt aus der Zeit des 13. bis 14. Jahrhunderts. Sie wurde aus Feld- und Backsteinen erbaut. Die Stützpfeiler an den Außenwänden müssen jedoch erst in späteren Jahrhunderten angesetzt worden sein. Sie stehen nicht im festen Verbund mit dem übrigen Mauerwerk. Das ist jetzt, wo sich einige Pfeiler nach außen neigen, sehr deutlich zu sehen. Auf der Südseite befindet sich ein Portal aus Backsteinen, das nach  innen einen Rundbogen, nach außen einen Spitzbogenschluß hat. Der stattliche Fachwerkturm stammt aus dem 18. Jahrhun-dert. Auf der Wetterseite ist er reparaturbedürftig. Mehrere Fachwerkfüllungen des Turmes sind bereits herausgebrochen. Der Turm gab den eigentlichen Anstoß, von einem Abriß zu sprechen. Angeblich wäre er baufällig und würde wackeln. Dazu kann ich nur sagen, daß der Turm seit jeher wackelte, vor allem, wenn die Glocken  läuteten. Das innere Fach- und Balkenwerk befindet sich in einem relativ guten Zustand. Den Ostgiebel verzieren fünf gotische Spitzbögen. Die Spitzbögen sind zweiteilig, getrennt durch Rippen. Die Zwischenräume der Feldsteine im Sockel des Ostgie-bels füllen an einer Stelle Backsteine. Bemerkenswert sind daran einige runde, offensichtlich ausgeschabte Vertiefungen, die nur an den Backsteinen des Ostgie-bels auftreten. Sie weisen einen Durchmesser von ca. 2-3 cm auf. Sie haben ver-mutlich folgende Bedeutung: Als die Pest im 14. Jahrhundert grassierte, schabte man aus diesen Backsteinen Steinmehl, mischte es unter das Essen in dem Glauben, es würde vor der  Pest bewahren, stammte es doch von einem heiligen Ort. Das scheint ein sicheres Indiz dafür zu sein, daß die Pest auch in Ruest ihre Opfer fand. An der Nordseite erkennt man bei genauem Hinsehen, daß es ein weiteres Portal  gab. Es ist irgendwann, wie bei vielen anderen Kirchen auch, zuge-mauert worden, weil es nicht mehr gebraucht wurde. Von innen kann man es genauer sehen. Das Kirchenschiff wird von einer flachen Balken- und Bretterdecke überspannt.

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Der barocke Altar stammt aus dem Jahre 1693, ebenfalls die Kanzel. Eine Inschrift auf der Rückseite nennt Christoff Friederich von Jassmundt, Klosterhauptmann von Dobbertin, als Spender des Altars. Wie alles  andere, sind auch Altar und Kanzel renovierungsbedürftig.

Im Turm gab es bis 1917 drei Glocken, eine im Durchmesser von 1,01 m, 640 kg schwer und 1389 zu Ehren des heiligen Stephanus gegossen. Die zweite hat einen Durchmesser von 0,81 m und wurde 1508 gegossen. Die  dritte und mit einem Durchmesser von 0,60 m mußte 1917 dem Krieg geopfert werden. Mit Leichtigkeit konnte Stellmacher Karl Dau den bronzenen Körper der alten Glocke am 16. Juni 1917 zerschlagen. Schon früher, am 4. Mai  1917, wurden die 35 Orgelpfeifen (Prospektpfeifen) herausgenommen. Sie hatten ein Gewicht von 25 1/2 kg und wurden mit 195 Mark entschädigt. Die Orgelpfeifen wurden nach 1918 wieder ersetzt. 1987 begutachtete ein Orgelbaumeister die Orgel. Das Urteil war niederschmetternd. Vom Holzwurm zerfressen, nicht mehr zu reparieren.

Die beiden großen Glocken wurden 1989 wegen des passenden Geläutes nach Mestlin gebracht, dafür kam eine Mestliner Glocke nach Hohen Pritz. Die dortige Kirche gehört auch zum Kirchspiel Mestlin. Die Dörfer Klein Pritz und Dinnies gehören zur Ruester Kirche. Das brauchbare Gestühl kam zur Kirche in Dabel. Das Kleinkunstwerk, Kelche, Patenen, Kannen, fünf zinnerne Altarleuchter, einer wurde 1725 von Pascher Wiese gestiftet und vom Parchimer Zinngießer CM gefertigt, sind 1990 nach Rostock zum kirchlichen Kunstdienst geschafft worden. Sie warten dort auf Erlösung zum Herbst 1993, wenn die Pfarrstelle Mestlin neu besetzt ist.

Am 5. 2. 1949 stellte der Rat der Gemeinde Ruest den Antrag an den Rat des Kreises Parchim, die Friedhofsmauer abbrechen zu dürfen, um mit dem Material fünf Neubauernstellen gemäß Befehl 209 in der Gemeinde zu errichten.Die Kirche wird seit etlichen Jahren nicht mehr gottesdienstlich genutzt. Was aus ihr werden soll, weiß man noch nicht, denn die Schäden am Mauerwerk und Dach, ganz zu schweigen von der Inneneinrichtung, sind erheblich. Sowohl die Landeskirche als auch das Landratsamt Parchim würden je die Hälfte der Renovierung tragen, aber der Verwendungszweck müßte gesichert sein. So hört man aus kirchlichen Kreisen. Ja, sie ist eine vergessene Kirche, da die Gemeindemitglieder durch ihre Flucht 1952/1953 über ganz Deutschland verstreut sind. Das Dorf ist zerstört. Einsam und verlassen steht die Kirche und wartet auf neue Gläubige, die das Dorf beleben könnten.

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Frieden - was nun?

(J.-G. Nehls)

Über den Äckern des Dorfes Ruest im Kreis Parchim liegt Sonnenschein, etwas Frost, ohne Schnee. Hier ist es ruhig, die Gedanken gehen an die Fronten. Aber hier wird nicht gekämpft. Nur hin und wieder Flugzeuge. Plötzlich donnern zwei der neuen Düsenjäger über das Land hinweg. Das veranlaßt einen, der mit dem Regime nicht einverstanden ist, zu sagen: "Nun gewinnen wir doch noch den Krieg". Und das ohne  jegliche Ironie. Das war am 29. Dezember 1944, als die Feinde in Ostpreußen und bei Aachen standen.

Es ist Hasenjagd am 29. 12. 1944 in Ruest, fast alles alte Herren als Jäger, Soldaten im Urlaub und die Treiber sind Arbeiter und Jugend von den Höfen. Die Strecke beträgt 23 Hasen und 3 Füchse.

Hier ist alles ruhig. In Ruest gibt es Franzosenlager bei den Hufen HI, VIII und XIII und im Dorf ein Armenhaus. Keiner der Gefangenen ist im Laufe des Krieges geflüchtet ein Zeichen sicher dafür, daß sie es bei den Bauern allgemein gut hatten. Überall wurden sie satt, brauchten nicht zu einem anderen Hof gehen, um sich dort satt zu essen. Am besten hatten sie es aber auf dem Hof M, wie man schreibt.

Das Jahr 1945 bricht an. Jedermann denkt, was es wohl bringen wird! Es sieht düster aus, die Alliierten werden die bedingungslose Kapitulation und die Zer-stückelung Deutschlands vollziehen. Stalin hat zwar  gesagt: "Die Hitler kommen und gehen, aber das Deutsche Reich bleibt bestehen." Glaubte er das selbst?

Am 26. Januar 1945 kommen die ersten Ostflüchtlinge ins Dorf. So wird es in den nächsten Tagen und Monaten weitergehen. Die Bauern aber wirtschaften weiter, nur gestört durch feindliche Tiefflieger, die die  Arbeiter auf den Feldern und die Fuhrwerke auf den Straßen beschießen. Am 19. 4. 1945 werden auf der Crivitzer Chaussee drei Pferde durch Tiefflieger erschossen.

Am 29. April 1945 ist letzter Preisskat in Mestlin bei Hugo Hartig im Klosterkrug, aber Andacht zum Spiel ist nicht recht vorhanden, schreibt E. G. Wahls in seinen Memoiren. Der Flüchtlingsstrorn reißt nicht  ab, alles flieht vor den Russen in den Westen, eingedenk der Taten in den ostdeutschen Ländern.

Am 3. Mai 1945 gegen Mittag marschiert die Rote Armee ein. Immer noch treffen Trecks ein, übermüdet, elendig. Man sieht ihnen die Strapazen an. Meistens wurden sie beraubt, ihre letzte Habe wurde ihnen  genommen, die Frauen sehr oft vergewaltigt. Der elektrische Strom ist seit dem 3. 5. 1945 abgeschaltet.

Im Laufe der nächsten Tage sammeln sich die Fremdländischen, nehmen von den Bauern Pferde, Fuhrwerke etc., um ihre eigenen Sachen und die geraubten mitzubekommen. Hier zeichnen sich die Franzosen als anständige Menschen aus, sie helfen den Flüchtlingen. So mancher Franzose hat einen Flüchtlingstreck in den Westen gefahren. Später, an der Oder, müssen die russischen Heimkehrer alles stehen und liegen lassen. Sie werden in den Fernen Osten tranportiert und in Lagern von den Westeinflüssen desinfiziert.

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Am 5. Mai 1945 brennen bei Holz (X1) Wohnhaus und Kuhstall ab. Frau Holz ist mit ihren kleinen Kindern westwärts geflüchtet und landet in einem Sammellager bei Schwerin. Auch bei Ehmcke (XII) brennen Scheune und Viehhaus ab. Am Ruester Krug (I) erschießt der Molkereiverwalter Erich Schulz seine Tochter, seine Frau und sich selbst. Irene Zacharias/Holz schreibt in ihrem Buch, daß Hunderte von Russen Schlange stehen um Schulz  seine Frau und die elfjährige Tochter zu vergewaltigen. Man beachte diese gewaltige Zahl.

Johannes Brenncke (I) ist auch erschossen worden. Bei Ehmcke (XII), Pachen (V) erschießen Rotarmisten zwei Nachrichtenhelferinnen und vier Soldaten. Werner Ehmcke erzählt es mir. Er nimmt ihnen die Papiere ab, versteckt sie. Im November werden Ehmcke mit Frau und Sohn und Ehepaar Soltwedel (IX) vom Hof nach Ludwigslust und weiter nach Wöbbelin ins KZ gebracht. Aber vor Weihnachten kehren sie auf ihre Höfe zurück. Werner Ehmcke findet die Papiere der Soldaten nach seiner Rückkehr total aufgeweicht vor, unlesbar, und wirft sie weg. Und wieder bleiben namenlose Gräber!!!

Die beiden Höfe sind in der Zwischenzeit total ausgeplündert. Am Weg von Holz zu den Krähentannen an der Stemberger Chaussee wird ein erschossener Soldat gefunden, der erst im Juni von Frau Ch. Cords und Frau  Hinz begraben wird. Auf dem Hof von Holz liegt ein erschossener Soldat Hinrichs aus Röbel. Im "Brandmoor" südöstlich vom Dorf Ruest verstecken sich sieben Soldaten. Sie werden von Rotarmisten aufgestöbert, erschossen und finden ihre letzte Ruhestätte auf dem Dorffriedhof. Ein Soldat wird erschossen aufgefunden am Weg von Mestlin zum Hof XIU. Einige Ruester Frauen verstecken sich im Kadower Moor einige Zeit und bleiben so  unbehelligt. Richard Hahn sen. versorgt sie mit Lebensmitteln.

Die landwirtschaftliche Arbeit kommt zum Erliegen, fast alle Pferde und Rinder sind fortgetrieben, Schweine werden von den Besitzern abgeschossen oder geschlachtet. Eines Tages kommt eine Scharfherde von ca.  2000 Stück, dazu eine Rinderherde von 800 Stück. Diese Tiere waren im Kreis Waren zusammengetrieben worden. Am 7. 7. 1945 meldet der Mestliner Bürgermeister Töpper nach Goldberg, daß von den durchziehenden Truppen folgende Weiden abgeweidet wurden: Wiesen zu 90 %, Klee zu 30 %, Luzerne zu 100 %, Hafer zu 12 % und Roggen zu 10 %. Vom hiesigen russischen Kommando sind 250 dz Wintergerste mit unbekanntem Ziel abgefahren.

Die Schafe und Rinder bleiben, bis alles kahl gefressen ist, dann werden sie nach Kadow getrieben. Zum Melken von 400 Kühen werden die Ruester und Kadower Frauen zusammengeholt. Die Schafe müssen die Frauen auch scheren, aber weil keine oder wenige Schafscheren vorhanden sind, müssen Haushaltsscheren zur Hilfe genommen werden. Zur Mittagszeit laufen viele Schafe halbgeschoren rum. Die Ruester Molkerei liegt still, die Milch  wird nach Wozinkel gefahren und im Juli erst zur Ruester Molkerei, wo nur für die Rote Armee verarbeitet wird. Die Ruester müssen die Milch bis 1. Januar 1946 nach Techentin liefern.

Durchgetriebenes Vieh bringt auch die Maul- und Klauenseuche mit. Klee muß

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gemäht und versorgt werden, Mieten werden gesetzt. Am 2. Juli 1945 kommen drei Pflüge mit je zwei Pferden und 16 Frauen, die Wrucken (Steckrüben) pflanzen müssen, am 3. und 4. 7. 1945 pflanzen 20 Frauen.

Als Bürgermeister ist Franz Sternberg eingesetzt. Am Sonntag, 8. 7. 1945, ist nachmittags eine kommunistische Versammlung, bei der Trelewka und Koop vom Rat des Kreises bzw. KPD sprechen und die Bevölkerung auffordern zu helfen, die Not zu lindern. Inzwischen wurden die Rinderherde zum Forsthof Mestlin und die Schafe nach Kadow gebracht.

Am 16. Juni 1945 kommt Irene Holz mit ihren Kindern und als Satellit Karl Hilgendorf zurück und finden den Hof fast abgebrannt. Ein sehr schweres Schicksal für Irene mit ihren Kindern. Aber Karl wird den Laden schon schmeißen!

Am 12. 8. 1945 wird der alte Christian Jarchow (XVIII) beerdigt. Sein Sohn Walter, Ernst Westphal (VI) und Wilhelm Marten (Schule) werden nach Fünfeichen in das KZ der Russen gebracht, wo Jarchow und Westphal  verstarben. Cords und Marten wurden entlassen, als das Lager aufgelöst und die "schweren Fälle" nach Bautzen oder Brandenburg gebracht wurden.

Am 13. August 1945 gibt es endlich wieder elektrischen Strom, wenn auch in Etappen und oft recht schwach. Am 22. 9. 1945 kommt ein Rundschreiben des Landrats an: "Die MA (Militäradministration) weist darauf hin, daß der Befehl besteht, Tag und Nacht bis zur Erfüllung der Ablieferung zu dreschen. Es soll in zwei Schichten gedroschen werden."

 Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist äußerst knapp bemessen. 13. August 1945 - Mestlin und analog auch für Ruest ist abzuliefern:

     von einer Kuh bis 31. 12. 1945 550 Itr. Milch

       Schlachtvieh pro Kopf 30 kg

       Schweine pro Kopf 45 kg

       Schafe pro Kopf 6 kg

       von jedem Huhn 20 Eier

Aus gesundheitlichen Gründen gibt Franz Sternberg im September 1945 sein Amt als Bürgermeister ab. Sein Nachfolger wird der Friseur Willi Stachorra. Er ist ein Schwiegersohn von Stuck, der bei Alfred Rieck  (XXIV) Tagelöhner ist. Da Stachorra kein Landwirt ist, wird ihm Wahls (VIII) als Berater beigegeben. Oft sind sie aber unterschiedlicher Meinung, wobei das Politische sicher eine Rolle spielt. Im Februar 1946 ist Tanz auf dem Ruester Krug. Es kommt zu Unstimmigkeiten zwischen Stachorra und Wahls, was in eine Schlägerei ausartet. Wahls flüchtete, worüber Stachorra verärgert ist. Eine Frau und zwei Männer mit Stachorra gehen zur Wahlsschen Hofstelle und schlagen dort die große Scheiben im Wohnhaus und viele Fenster in den Stallungen ein.

Die meisten Ruester Männer sind noch in Gefangenschaft. Der Name der Frau beim Fenstereinwerfen dürfte bekannt sein, Es kommt zum Prozeß. Der Haupttäter bekommt 300,- Mark Strafe, was dann aber unter Amnestie  fällt. 1946 gibt es eine Gemeindewahl mit der Liste 1 (SED) mit sechs Kandidaten. Es gibt in Ruest nur eine Partei zu diesem Zeitpunkt. Gemeindesekretär ist Hans Schlag, aus Breslau

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stammend, der ab ca. Frühjahr 1948 die Bäuerliche Handelsgenossenschaft (BHG) in Mestlin aufbaut, sich aber 1951 mit Frau und Sohn nach Westberlin absetzt.

Ende November 1946 wird Bürgermeister Stachorra plötzlich wegen schwerwiegender Delikte im Raum Dobbertin verhaftet. Er bekommt sechs Jahre Zuchthaus, man beachte diese Strafe für einen SED-Funktionär. Beim zweiten Hafturlaub setzt er sich nach Westdeutschland ab, arbeitet später auf Zeche Bismarck in Gelsenkirchen. Irene Holz/Zacharias schreibt mir am 26. Januar 1987, daß Stachorra sich 20 Jahre nicht um seine in Mestlin  lebende Tochter gekümmert hat und auch keinen Unterhalt zahlt. Er hat seine Tochter später einmal in Mestlin besucht und ist Ende 1987 verstorben. Sein Nachfolger als Bürgermeister ist Benno Ciesniewski, auch ein Friseur. Eigentlich war er human. Er zog später nach Dabel und frisierte dort. Nach ihm kommt Sedelke, er stammt aus dem Memelland. Nach ihm wird Fritz Riegel Bürgermeister. Er ist Neubauer auf dem Büthberg und stammt aus Ostpreußen. 1949 ist August Sparr Bürgermeister, ehedem Forstarbeiter, aus Ruest stammend.1950 soll es zur Zusammenlegung der Gemeinde Ruest mit Mestlin kommen. Die beiden CDU-Gemeindevertreter stimmen dagegen, wurden aber von den SED Genossen überstimmt. So gab es keine Gemeinde Ruest mehr, sondern eine Gesarntgemeinde mit Bürgermeister Pigulla.

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