Frühjahr 1952

(Ursel Zülck/Liesbeth Dau)

Im Frühjahr 1952 wurden wir in Kenntnis gesetzt, daß unser Betrieb laut Beschluß des Rates des Kreises Parchim unter die Verordnung über devastierte landwirtschaftliche Betriebe fällt. Entsprechend dem Kontrollgesetz sollte ein Treuhänder eingesetzt oder die Verpachtung durchgeführt werden. Es geschah aber nichts. Wir mußten weiter wirtschaften, alles abliefern, durften darüber hinaus nichts veräußern oder entfernen. Es war für uns ein besonders schweres Jahr, denn auch in diesem Frühjahr wurde in einer Nacht durch einen heftigen Wirbelsturm das ganze Scheunendach (Rohrdach) abgehoben und weggetragen. Mitten auf dem Hof blieb es völlig  zerschlagen liegen. Wirtschaftlich war es ein heftiger Schlag. Die Aufräumungsarbeiten und das Aufbringen eines neuen Daches (jetzt Pappdach) nahmen zusätzlich Zeit und Kraft in Anspruch, verursachten große Kosten.

Ende Juli begann in Ruest die große Bauernflucht. Es wurde die LPG Ruest "Neues Leben" gegründet, die dann alle verlassenen Grundstücke bewirtschaftete. Im Dorf selbst waren von den neun Bauern nur noch unser Nachbar Wilhelm Dau und wir dort. Da wir freiwillig nicht fortgingen, mußten andere Maßnahmen ergriffen werden. So wurde auch unsere Wirtschaft am 1. 2. 1953 einfach von der LPG übernommen

Es kamen der damalige Bürgermeister, der LPG-Vorsitzende und einige Mitglieder, die uns erklärten, daß wir nichts mehr in der Wirtschaft, in den Stallungen und dergleichen zu tun hätten. Sie wären  gewissermaßen der Treuhänder und für alles Geschehen auf dem Grundstück verantwortlich. Als mein Mann auf eine ordnungsgemäße Übergabe bestand, wurde er tätlich angegriffen, beschimpft und mit Freiheitsentzug bedroht. Die  Inventarverzeichnisse, die wir schon längst aufgestellt hatten, wurden vor seinen Augen zerrissen.

Am 6. 4. 1953, es war ein Tag nach Ostern (Ostern wurde noch unsere jüngste Tochter in der Ruester Kirche getauft), wurde plötzlich ein Leiterwagen vor unsere Veranda gefahren. Vier Männer aus der LPG, was  für Funktionen sie hatten, weiß ich nicht mehr, zeigten uns ein Schriftstück, vom Landrat unterschrieben, daß sie ermächtigte, uns fortzubringen. Innerhalb von zwei Stunden sollten wir das notwendigste, persönliche Mobiliar  (Bett, Tisch, Stuhl, einige Hausgegenstände) aufgeladen haben. Immerhin bestand unsere Familie aus sieben Personen, wir hatten für Eltern und drei Kinder zu sorgen. Wohin wir kämen würden wir in Mestlin erfahren. Mein Mann hatte immer mit den Klein Pritzern ein gutes Verhältnis. Unsere Felder grenzten aneinander, sie hatten uns oft ihre Hilfe angeboten, falls wir in Not kämen. Jetzt fuhr mein Mann in großer Eile zu ihnen. Der ehemalige  Schweizer alarmierte die Siedler. In unwahrscheinlich kurzer Zeit machten sich die Siedler auf den Weg, die erreichbar und abkömmlich waren. Meistens hatten sie ja nur einen kleinen Kastenwagen und ein Pferd. Sie spannten auch zusammen vor einen Leiterwagen und so rückten sie nach und nach auf unserem Hof. Einer der Siedler, auch Mitglied der SED, hatte das Wort und erklärte den Männern der Mestliner LPG, daß sie überflüssig wären und nach Hause gehen sollten. Er würde die Verantwortung übernehmen und für eine menschenwürdige Aussiedlung sorgen. Wenn es schon überhaupt geschehen müsse, dann nicht so brutal. Der Leiterwagen der LPG, den wir inzwischen schon  mit einigen Sachen beladen mußten, wurde von den Siedlern wieder leer gemacht und der Wagen auf die Dorfstraße geschoben. Danach beluden sie ihre Fuhrwerke. Wenn sie auch schnell voll waren, bekamen wir doch das notwendigste, persönliche Hab und Gut mit. Alle wirtschaftlichen Dinge mußten zurückbleiben. Das galt auch für Eimer, Milchkannen, Arbeitsgeräte, auch für Feuerung, Lebensmittel, Kartoffeln usw. In den Mittagsstunden ging der Abzug los. Auf dem letzten Kastenwagen saßen meine Schwiegereltern und ich mit den drei Kindern, mein Mann ging mit dem Hund hinterher. Für die Eltern, fast 80 Jahre alt, war es unfaßbar, so vom Hofe getrieben zu  werden, der über Generationen im Besitz der Familie war, mindestens seit 1635.

Bei unserem Nachbarn Dau verlief die Aussiedlung am gleichen Tag in ähnlicher Art und Weise. In Mestlin trafen wir zusammen und erfuhren, daß wir vorerst im Ausbau auf die Baustelle von Kröger gebracht werden  sollten. Wir hatten mit sieben Personen zwei kleine Räume, Daus mit drei Personen einen Raum und gemeinsame Küchenbenutzung.

Ein paar Tage später wurde Wilhelm Dau aus dieser Unterkunft von der Polizei mit Wachhunden abgeholt, gefesselt abgeführt, zu Fuß bis Mestlin und dann nach Bützow gebracht. Von dem Tag an war mein Mann kaum noch auf dem Grundstück, irrte Tag und Nacht umher, kam nur mal kurz zum Essen. Er befürchtete, daß auch er abgeholt würde. Inzwischen war laut geworden, daß wir in Arbeitslager gebracht und daß mit den Bauern Schauprozesse  durchgeführt werden sollten, so wie es in Techentin der Fall war. Die Bauern wurden wie Schwerverbrecher im Saal der Gastwirtschaft gefesselt vorgeführt und wegen "Wirtschaftsvergehen", sprich Nichterfüllung des Ablieferungssolls, das für die Bauern bewußt hoch gesetzt war, zu mehreren Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Der Bauer war eben Freiwild.

Mein Mann wollte für uns eine andere Bleibe ausfindig machen. Durch Hilfe von guten Freunden und Bekannten gelang es. Ein ehemaliger Schulfreund war zu der Zeit in der Betriebsgewerkschaftsleitung des  Forstwirtschaftsbetriebes Parchim tätig. Er vermittelte, daß wir in Jellen, einem Ortsteil von Dobbertin, in das Forsthaus einziehen konnten. Nach der Flucht des Försters stand es schon zwei Jahre leer. Es kam noch hinzu, daß in den Forstbetrieben Arbeitskräfte gesucht wurden, die vorwiegend als Gespannführer eingesetzt werden sollten. Den Forstbetrieben waren nämlich die Pferde zugeteilt, die auf den verlassenen Bauernhöfen standen. Nun  mußten die Forstbetriebe selbst für die Abfuhr des Holzes aus ihren Wäldern sorgen. Bis zu der großen Bauernflucht waren die Bauern laut Befehl der Sowjetischen Militäradministration verpflichtet, den Holzeinschlag und das  Rücken von Langholz für die Sowjetarmee durchzuführen, oft aus weit entlegenen Revieren. So bot sich die Möglichkeit, Arbeit und Wohnung zu bekommen. Wieder andere Freunde, die einen kleinen Lastkraftwagen hatten und vorwiegend Getreide, Kartoffeln und Zuckerrüben von den Bauern abholten, halfen uns wieder und führten heimlich den Umzug unserer bescheidenen Habe von Ruest/Ausbau nach Jellen durch. Erst einige Wochen später meldeten wir uns polizeilich um; es hatte den Anschein, als ob unser Verbleib gar nicht mehr interessierte. Jellen lag ja sehr entlegen. Es gab dort weder Wasserleitung noch Licht. Erst 1956 wurde der Ort elektrifiziert.

So hieß es dann: "Na, da sagen sich ja Fuchs und Has gute Nacht, da mögen Sie dann ja weiter vegetieren."

Am 6. April 1953 mußten auch der Bauer Wilhelm Dau und seine Familie ihren Hof verlassen. Ihre Zwangsvertreibung vollzieht sich ähnlich der von Zülck und Familie. Grete Dau, die Tochter, schreibt, daß ihre Eltern und sie zu Hufe XVI (Dollase/Kröger) gebracht wurden. Ihr Vater wurde in den nächsten Tagen verhaftet unter dem Vorwurf, Hafergarben versteckt und eine Kuh nach Dinnies gebracht zu haben. Und daß heimlich gebuttert  wurde. Als ihr Vater wieder frei war, setzten sie sich nach Westberlin ab.

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Ruester Geschichten

(Wolfram Cords, 1992)

Johanni 1833 wurde den zwölf Mestliner Bauern Höfe in Ruest als Erbpächter vom Kloster Dobbertin übergeben, im März erfolgte die Beurkundung. Vor dieser Zeit wohnten meine Vorfahren in Mestlin. Mein Ur-Ur-Großvater Johann Friedrich Cords, geboren am 18. 06. 1780, hatte in Mestlin als Erbzinsmann eine Landwirtschaft. Gestorben ist er in Ruest.

Meine Vorfahren sollen nach dem Dreißigjährigen Krieg aus Holstein einge-wandert sein. Dort war damals ein Menschenüberschuß. Er suchte sich in dem durch den Krieg an Personen stark reduzierten Mecklenburg eine neue Existenz.

Die Ruester hatten stattliche Bauemgehöfte, alle Gebäude waren mit Rohr gedeckt, die Wände bestanden aus Fachwerk. Das fruchtbare Ackerland hatte die Bodenklasse 40-50 und darüber, ausgesprochener  Weizenboden. Der Zuckerrübenanbau konnte wegen der schlechten Verkehrslage zu Straße und Bahn nicht erfolgen. Die Größe der Bauernhöfe lag zwischen 40 und 50 ha einschließlich eines Hektars Wald. Das waren lebensfähige,  rentable Wirtschaften, die Bauern standen sich gut. Der Anfang nach 1833 war sicher sehr schwer. Wir wissen nach 150 Jahren und mehr nicht, wie es damals aussah.

Ich wurde 1912 geboren, mit vier Jahren kann ich mich an manches erinnern, was in unserer Familie geschah. Auch mit fünf oder sechs Jahren habe ich einiges vom Leben im Dorf und in den Ausbauten in Erinnerung  behalten. Mein Vater kam vom Militär zurück. Russische Kriegsgefangene waren im Dorf, ein Teil davon wohnte im Katen hinter der Kirche. An unseren Russen Michael kann ich mich erinnern, wir waren gute Freunde, denn die  Russen sind kinderlieb. Als die Kriegsgefangenen 1919 entlassen wurden, erzählten die Erwachsenen, daß ein Kriegsgefangenentransport mit vielen hunderten Russen auf eine Mine gelaufen sei und daß sehr viele umgekommen seien. Ostern 1918 wurde ich eingeschult, unser Lehrer Körner nahm mich unter seine Regie. Aus Dinnies und Klein Pritz kamen noch Kinder in die Ruester Schule. Es war wie allerorts auf den Dörfern eine Einklassenschule mit 20-25 Kindern. Die meisten Schülerinnen und Schüler waren Tagelöhnerkinder. Auf Holzpantoffeln kamen sie jeden Tag zur Schule. Im Winter hatten auch einige Schuhe an. Nach Dinnies und Klein Pritz waren es immerhin zwei Kilometer. Der Lehrer hatte in der Schule seine Wohnung, drei Zimmer, Küche und Speisekammer, auf dem Boden ein Giebelzimmer. Eine strohgedeckte Scheune stand neben der Schule mit einer Diele für Heu und Stroh, einem Schweine- und Kuhstall. Der Dorflehrer betrieb nebenbei etwas Landwirtschaft, ein großer Garten befand sich hinter dem Haus neben dem Friedhof.

Ein Ziehbrunnen mit einem langen Seil und Eimer am Ende versorgte die Haushalte in Ruest seit Generationen mit Wasser. Später tat es eine Wasserpumpe mit Schwengel. Der Brunnen befand sich auf einer kleinen  Anhöhe auf der rechten Seite des Weges hinter dem Stellmacher Dau und vor dem Armenhaus. Das Armenhaus diente dazu, den Ärmsten der Armen ein Obdach zu bieten. Es waren

Landstreicher, Bettler und auch Eingesessene, die beim Bauer gearbeitet hatten, entweder alt oder krank waren. Sie wurden aus der Gemeinde nicht abgeschoben. Diese Armen wurden von den Bauern reihum versorgt.

Zu meiner Zeit unterrichteten drei Lehrer hintereinander an der Ruester Dorfschule. Es waren Körner, Beier und Marten. Beier spielte auch die Kirchenorgel. Marten war bis 1945 Lehrer. Körner wohnte bei Jarchow, denn er war Schwiegersohn desselben. Johann Beier wohnte bei Richard Hahn, Marten bezog dann die Lehrerwohnung in der Schule. Richard Hahn war zu dieser Zeit Schulze. Unsere Dorfkirche steht auf einem kleinen Hügel und war das Schmuckstück unseres Dorfes. Der Friedhof breitete sich um die Kirche herum und war mit einer Mauer aus Feldsteinen bzw. Felsen umgeben. Innerhalb der Mauer standen gewaltige alte Linden mit schattenspendenden  Kronen. Ein Bild des Friedens und der ewigen Ruhe. Besonders nach dem Kriege war der Ruester Friedhof dank der Pflege durch Hermann Prestin ein Schmuckstück. Prestin hat diesen Friedhof gehegt und gepflegt im Interesse all  derer, die ihre Toten auf diesem Friedhof beigesetzt hatten. Das Kriegerdenkmal steht auch auf dem Friedhof, ein flacher Granitfelsen auf einem trittartigen Sockel. 1923 oder 1924 wurde das Ehrenmal eingeweiht, der  Posaunenchor aus Goldberg umrahmte die Feier und Lehrer Marten hielt die Gedenkrede. Der Kriegerverein Ruest/Mestlin gab den Gefallenen die letzte Ehre. Für uns Dortländer war dieses Ereignis sehr beeindruckend.

Im Dorf wohnten 9 Bauern, 4 Forstarbeiter, 2 Tagelöhner und ein Stellmacher, später kam ein Schuster dazu. Eine gepflasterte Straße führte durch das Dorf am Dorfteich vorbei in Richtung Klein Pritz, Dinnies, Below und Kadow. Heute sind einige dieser Wege befestigt. Nach Kukuk führte ein Weg durch die Hufe XXI, jetzt ist er umgepflügt. Ein anderer Landweg führte nach Mestlin über den Lindenberg durch das Ackerland von Hahn und Rieck, an den Gehöften von Soltwedel, Wiese/Wahls und Carl Cords vorbei. Der Hauptweg führte vom Ruester Krug ins Dorf, eine Hälfte wurde vor dem Kriege in Gemeinschaftsarbeit gepflastert, der Rest nach dem Kriege. Jeden  Tag fuhren zwei Milchwagen mit der täglich anfallenden Milch nach dem Ruester Krug zur Molkerei. Ein Dorfspruch machte die Runde:

"Dieckmann wahnt an'n Diek,

Pingel makt giern Striet,

bi Curds is Larrn,

wo Zülck sick möt öwer erbarrn,

Stiembarg hett 'nen Knust,

Jarchow hett 'ne gaude Fust,

Paul Curds is 'nen gauden Mann,

wo Hahn sick nah richten kann,

Rieck giwt giern bäten an,

wat ein ok nix inbringen kann."

Natürlich hat dieser Spruch keine tiefere Bedeutung, der Volksmund hat ihn ent-stehen lassen, man hatte noch Witz und Humor! Er ist sicher vor dem ersten Welt-krieg entstanden, denn die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren kein Zuckerlecken.

Viele junge Bauern waren an der Front oder sonst irgendwie zum Militärdienst einberufen, eine große Last trugen die Bäuerinnen. Polnische Mädchen wurden für die Landwirtschaft herangezogen, junge Burschen mußten das Vieh versorgen. Kriegsgefangene kamen dann hinzu, gute und schlechte. Bauer Wahls aus Techentin war als Wachmann nach Ruest abkommandiert. Ich weiß noch genau, wie er bei uns in der Küche saß und meiner Mutter am  Abend einen Reisigbesen band. Auch mein Vater mußte noch im letzten Kriegsjahr zum Militär, 48 Jahre war er damals alt. Im Herbst 1918, nach Kriegsende, kamen die Männer zurück. Langsam normalisierte sich das Dorfleben. In den Städten war die Not groß, besonders in den Großstädten. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Menschen von Dorf zu Dorf zogen, um Lebensmittel einzukaufen oder zu tauschen.

Seit dem Kriege hatte unser Bauernhof elektrisches Licht durch Selbsterzeugung. Ungefähr 1921 wurden weitere vier Gehöfte mit Strom versorgt. Dann kam die Inflation, die Geldentwertung nahm ungeheure Maße an,  z. B. kostete eine Zigarette am Ende der Inflation 1 Million! 1924, am Ende der Inflation, schuf der damalige Finanzminister Hilferding die Rentenmark, aus der später die Reichsmark hervorging. Die Wirtschaft kam wieder in Gang. 1924 wurde im Dorf die Überlandzentrale durch die AEG in Angriff genommen und das Dorf mit Starkstrom versorgt. Ein Transformatorenhaus wurde gebaut, es steht an der linken Seite der Dorfstraße gegenüber dem  Dorfteich. Einige Jahre später entstand ein Spritzenhaus mit Schlauchturm, die Spritze war noch ein uraltes Ding, in die das Wasser noch hineingeschüttet wurde. Erst viel später kam eine neue, die das Wasser aus dem  Löschteich anzog. Einmal im Jahr fand eine kleine Übung statt. Der Dorfteich, auch Kattenpohl genannt, weil in ihm die jungen Katzen ertränkt wurden, lag in unmittelbarer Nähe. Ende der zwanziger Jahre wurde ein neues  Schulgebäude mit anschließendem Wirtschaftsgebäude gebaut. Die Schule konnte endlich in ein neues Gebäude umziehen. Die alte Schule kaufte Wilhelm Dau und richtete dort als gelernter Kaufmann einen Laden ein. Bislang wurden  die Dörfer von dem Kaufmann aus Schlowe bei Borkow mit Lebensmittel versorgt. Auch aus Goldberg kam die Woche einmal der Kaufmannswagen mit Pferdebespannung nach Ruest. Der Fischer aus Kukuk bot in Ruest seine Ware an und frisches Brot brachte der Bäcker aus Dabel. Schlachter Flotow hatte frisches Fleisch und kaufte Vieh auf. Das gesamte Getreide fuhren die Bauern vierspännig nach Dabel zu Raiffeisen oder nach Goldberg zu Löwenthal Nord und  Kompanie. Düngemittel, Futtermittel und andere Waren wurden dann eingekauft und mit zurückgebracht. Nach Goldberg waren es 12 km, nach Sternberg ebenfalls und zum Bahnhof Below gute 4 km. So lag Ruest verkehrsmäßig doch recht ungünstig. Aber Franz Zülck kaufte sich in der Inflation das erste Auto für 1 Million Mark vom Großherzog in Mecklenburg. Ich vergesse es nicht, wie er in seiner Koppel Probefahrt machte. Für die Ruester war es eine Sensation. Es war ein Sechssitzer-Cabriolet, die Sitze lederbezogen

die Gangschaltung war an der rechten Außenseite, das Lenkrad ebenfalls rechts, für damals ein elegantes Auto. Ende der zwanziger Jahre nahm die wirtschaftliche Sezession weiter zu. Von einer Amerika-Anleihe war die Rede. Es stand Geld bei den Banken zur Verfügung. Auch einige Ruester Bauern machten davon Gebrauch. Viele kauften sich Clubgamituren für die gute Stube oder andere Luxusartikel. Doch das dicke Ende kam nach, die  Zinsen gingen sehr hoch bis 20% und die Verschuldung der Bauern, nicht nur in Ruest, nahm zu.

In den zwanziger Jahren hatte jeder Bauer das Recht, auf seinem Besitz die Jagd auszuüben. Einige Bauern machten davon ausgiebig Gebrauch. Wieviel Jagdgebühr gezahlt wurden, weiß ich heute nicht mehr. Im Dezember wurden Treibjagden durchgeführt, dazu auch Gäste eingeladen. Alle Ruester Bauern waren dabei, die die Jagd ausübten. So stellte jeder Hof auch einen Treiber. Morgens um 8 Uhr wurde sich an einem bestimmten Ort  getroffen, 30-40 Personen waren zur Stelle. Je nach Lage der Jagdfläche wurde diese von zwei Seiten umgangen, ein Jäger, ein Treiber und so fort, bis der Kessel geschlossen war. Dann wurde der Kessel unter lautem Klappern  und Geschrei "Has, Has" eingeengt und die Hasen aufgescheucht und abgeschossen. Die Jagd dauerte den ganzen Tag, der Alkohol kam dabei nicht zu kurz, denn es waren ja meistens winterliche Temperaturen. 60-80 Hasen  waren die Ausbeute, dazu auch mal Füchse etc. Mit viel Trubel und Spaß ging die Jagd zu Ende. Für uns junge Burschen war es ein großes Erlebnis. Zum Abschluß trafen sich die Jäger mit ihren Frauen im Mestliner Klosterkrug  zu einer Abschlußfeier mit Erbseneintopf, Schnaps und Bier. Etliche spielten auch noch einen zünftigen Skat. Eine Musikkapelle spielte zum Tanz, es muß schon lustig zugegangen sein. Die tragende Kraft war der Kriegerverein in Mestlin, die meisten Kriegsteilnehmer gehörten ihm an. So wurden Kriegerbälle veranstaltet und Versammlungen abgehalten. Gutspächter Berkemeyer im Range eines Major a. D. war die führende Kraft. Den meisten Anklang fand das Kinderfest des Vereins in Mestlin. Bei Regenwetter fand es im Saal statt, sonst aber wurde in Richtung Lenschow bis an den Wald marschiert mit Musikkapelle voran. Gastwirt Hartig hatte einen Schanktisch aufgebaut und  einen Schießstand für Luftgewehr für die Jungen. Hier wurde der König ausgeschossen, die Mädchen führten das Vogelschießen durch. Der Stellmacher hatte einen Vogel aus Holz gebastelt mit einem metallenen Schnabel, der sehr spitz war. Der Vogel hing an einem langen Band, mußte weit zurückgenommen werden und wurde auf die Scheibe losgelassen. Der spitze Schnabel blieb in der Scheibe stecken und die Ringzahl stand fest. Andere Mädchen machten  Sacklaufen, Topfschlagen und anderes mehr. Auf diese Weise wurde eine Königin gekürt. Auch die Jungs probierten sich im Sacklaufen, Wettlaufen oder kletterten an einer Stange. Am späten Nachmittag wurde wieder ins Dorf zurückmarschiert. Hinter der Musik schritten die Königin und der König. Im Saal war dann Kindertanz. König und Königin eröffneten den Reigen. Abends tanzten die Erwachsenen.

Beim Klosterkrug war manchmal auch ein Kettenkarussell aufgebaut, von dem reichlich Gebrauch gemacht wurde. Die Gaststätte "Ruester Krug", um die

Jahrhundertwende noch "Zur neuen Welt geheißen, damaliger Besitzer Hermann Rieck, nicht verwandt mit Rieck im Dorf, verkaufte seinen Hof Ende der zwanziger Jahre an Johannes Brenncke. Rieck war ein reger Land- und Gastwirt, der die Gaststätte in Schwung hielt. Ein schöner Saal wurde gebaut, in dem dann alle Festlichkeiten stattfanden, die Ruest und Umgebung betrafen. Ein großes Ereignis in jedem Jahr war der "Ruester Markt, im "Voss- und Has-Kalender" vermerkt. Im September jeden Jahres kamen die Menschen aus Ruest und Umgebung zusammen. Viele Buden standen an der Straße entlang, die Verkäufer hielten ihre Ware feil. Ein Karussell gehörte zum Leben und Treiben auf dem Markt. Am Ruester Krug wurde in der Scheune, gegenüber der Gastwirtschaft, getanzt, als es noch keinen Saal gab. Die Blasmusik sorgte für Stimmung, auch wenn mal ein Mißton dazwischen war. Dies alles habe ich noch als Schuljunge erlebt, es war eine schöne Zeit. Als die Gastwirtschaft einging, nutzte Richard Hahn im Dorf die Gelegenheit. Er eröffnete eine Gaststätte in seinem Hause, weil große  Zimmer zur Verfügung standen. Frau Hahn, geb. Nehls, war eine ausgezeichnete Wirtin, Richard Hahn um so weniger. So fand der "Ruester Markt nun im Dorf statt. Hahn schlug einen Saal in seiner Koppel gegenüber der Gaststätte auf, rundherum standen die Marktbuden. Ein Kettenkarussell fehlte auch nicht. Es wurde mit Muskelkraft in Gang gesetzt. Räucheraale waren im Angebot, drei Mark ein dicker Räucheraal, bei uns auf dem Lande eine Seltenheit. Am Abend war Tanz für Jung und Alt, dem Alkohol wurde tüchtig zugesprochen. Als Abschluß gab es dann eine zünftige Schlägerei, wenn Auswärtige sich mausig machten. In den Tagen danach gab es im Dorf viel Gesprächsstoff.

Auch Erntefest wurde im Dorf großartig gefeiert, dabei ging es bei den Bauern reihum. Einmal erlebte ich bei Richard Hahn ein großartiges Erntefest. Die Angestellten, Knechte und Mägde versammelten sich auf  der Straße. Mit Musik ging es dann von Gehöft zu Gehöft und der Bauer überreichte dann seinem Vorknecht eine Flasche Kümmel mit Schleife, die Musik spielte dazu. Jungen und Mädchen sauber und adrett angezogen, boten ein  hübsches Bild. Die Musikkapelle zog mit der Erntekrone immer voraus.

Am Nachmittag spendierte der jeweilige Bauer Kaffee und Kuchen. Nach dem Kaffeetrinken wurde auf dem Kornspeicher getanzt. Die Kinder tanzten tüchtig mit. Bis in die Nacht hinein wurde bei Freibier getanzt und gefeiert.

Der Königschuß in Dobbertin war ein weiteres Ereignis. Hahn und Rieck waren im Dorf Mitglieder des Dobbertiner Schützenvereins. Auch meine Familie nahm an diesem Ereignis teil, denn meine Schwestern Leni und Clara bestanden darauf, mit Pferd und Wagen nach Dobbertin zu fahren. Am ersten Freitag im August fand dieses Ereignis statt, mitten in der Ernte! Es war wie ein Familienfest. Jung und Alt war dort vertreten, der Schützenkönig wurde ausgeschossen. Die Kinder fuhren Karussell oder vergnügten sich anderweitig. Viele Buden und Schausteller erheiterten die Besucher. Der "Hau den Lukas" imponierte uns am meisten, wenn die erwachsenen Männer den Holzhammer schwangen und den Lukas am 4-m-Brett knallend hochtanzen ließen. Die Mitglieder des Schützenvereins trugen einen

schwarzen, halblangen Gehrock, darüber die blaue Schärpe und den Zylinder als Kopfbedeckung. Der einfache Schütze trug ein Gewehr, der Kommandeur mit der grünen Schärpe einen langen Säbel. Für uns Kinder war  der ganze Aufwand schon beeindruckend, doch wenn die Schützen dem Alkohol tüchtig zugesprochen hatten, kamen sie uns ziemlich lächerlich vor. Wenn der neue König ausgeschos-sen war, trat die Schützenkompanie an und  geleitete den König zum Schützen-haus. Dort war das Abendessen für die Kompanie gedeckt. Der König mit großem Ordensgehänge auf der Brust wurde mit ehrenden Worten überhäuft, der dann seiner Würde geziemend mehr oder  weniger fließend antwortete. Es war schon ein vergnügliches Spektakel. Tagelang wurde davon gesprochen. Am Sonntag bevölkerten die Knechte und Mägde den Rummelplatz, natürlich war die Jugend auch wieder vertreten und aus den umliegenden Dörfern kamen die Leute.

Ein anderes Erlebnis war das Augziner Holzfest. Am Freitag und Sonntag jeden Jahres zu Pfingsten fand es in den Augziner Buchen statt. Mehrmals habe ich erlebt, daß wir auf Drängen der älteren Schwestern mit  dem Kutschwagen dorthin fuhren. Schon von weitem schallte uns die Blasmusik entgegen, dann wuchs die Stimmung und die Pferde trabten schneller. Aus der ganzen Umgebung kamen Alt und Jung zusammen. Ein Bretterboden war zum  Tanzen aufgeschlagen, das Schankzelt daneben. Stimmung war angesagt in dem schönen Buchenwald. Bei schönem Wetter und Vollmondbeleuchtung ein Erlebnis besonderer Art bis in den frühen Morgen. Mit halber Kraft ging es dann  an die Arbeit. Man kann nicht sagen, daß das Leben auf dem Land eintönig war, es gab Abwechslung genug. Seitdem Hahn die Gaststätte eröffnet hatte, wurde sie Mittelpunkt der Jugend. Oft haben wir in der Gaststätte getanzt. Alfred Rieck verstand es, dem Klavier die stimmungmachenden Töne zu entlocken. Auch ein Plattenspieler erfreute uns gegen zehn Pfennig mit schöner Musik. Jeden Monat gab es eine Filmvorführung mit Stummfilmen. Bei der  Jugend waren Western gefragt, Tom Mix und andere. Der Stahlhelm, eine politische und militärische Organisation wurde in Ruest gegründet. Ende der zwanziger Jahre muß es gewesen sein. Die meisten Jugendlichen waren Mitglied.  In erster Linie die alten Frontkämpfer des ersten Weltkrieges gründeten die Deutschnationale Partei unter Geheimrat von Hugenberg, die Bauern wählten wohl alle diese Partei. Erich Günther Wahls war damals unser Ortsgruppenführer. 1933 wurde der Stahlhelm von der SA übernommen, die anderen Parteien unter Hitler liquidiert. So stand er als alleiniger Herrscher an der Spitze des Volkes.

Die Filmvorführungen und sonstigen Veranstaltungen fanden in einem primitiven Saal mit Wellblechdach statt. Hahn hatte ihn ja aufstellen lassen, als Hermann Rieck mit den Veranstaltungen im Ruester Krug aufhörte. Die ausgebauten Bauern nahmen nunmehr am Ruester Dorfleben teil, denn solange hatten sie sich mehr nach Mestlin in den Klosterkrug orientiert. Johannes Brenncke, der den Ruester Krug übernommen hatte, verstand es auch, Kundschaft in seinen Krug zu ziehen. Hinzu kam, daß die Nazipartei die alte Gaststätte zum Mittelpunkt des Parteilebens auswählte. Viele Parteiveranstaltungen und "Deutsche Abende" fanden dort statt. Günther Köpcke, Wirtschafter auf dem Büthberg, war Stützpunktleiter. Die Artamanen

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kamen zu dieser Zeit auf, eine Bewegung, die junge Leute für die Landwirtschaft zu gewinnen suchte. Besonders aus dem westdeutschen Raum mit den Industriegebieten kamen sie wegen der Arbeitslosigkeit. 7 Millionen waren es damals. Dadurch hatte die Nazipartei großen Zulauf, denn sie versprach Arbeit und Brot. 1932 trat auch ich dieser Partei bei. Im darauffolgenden Winterhalbjahr besuchte ich die Landwirtschaftliche Schule zu Lübz. Dort stand auf Wahlplakaten der Kommunistischen Partei zu lesen: “Wer Hitler wählt, wählt den Krieg." Heute muß ich so oft daran denken, die Kommunisten bekamen Recht. In der Landwirtschaft nahm die Verschuldung immer größere Ausmaße an. Die damalige Regierung versuchte, durch Umschuldung und Sicherungsverfahren die Landwirtschaft zu retten. Bei uns verlor kein Bauer seinen Hof, auch wenn die Schulden aus dem Schornstein guckten. Am 30. Januar 1933 übernahm Hitler die Macht, er wurde Reichskanzler. Die Menschen in unserem Land schöpften aufgrund der Versprechungen wieder Mut. Was dabei heraus kam, haben wir selbst am eigenen  Leibe erfahren. Der Kommunismus nach 1945 war die Folge, für Mitteldeutschland eine schwere Last!

Nach 1933 erholte sich die Landwirtschaft zuerst nur zögernd. Für den verlorenen Weltkrieg mußten wir immer noch Reparationen zahlen, das ging in die Millionen. Hitler zahlte die Gelder nicht mehr, baute  Autobahnen und rüstete auf. Manöver wurden abgehalten, mehrere Male war im Dorf Einquartierung. Mit viel Begeisterung verfolgten wir den Ablauf der gespielten Kampfhandlungen. Die Sturmabteilungen der NSDAP (SA) fanden großen Zulauf, mit Holzgewehren wurden die Männer ausgerüstet, um der Wirklichkeit einer militärischen Kampfhandlung näher zu kommen. Wir wurden schon damals auf eine militärische Auseinandersetzung vorbereitet. Ich wurde auch Mitglied dieses Vereins. Der Reichsnährbund nahm großen Einfluß auf die Landwirtschaft, Ernährungsschlachten wurden geschlagen. Die Erträge sollten gesteigert werden. Der Landwirtschaftsminister Darree wurde von vielen  Bauern angefeindet. 1936 wurde ich zum Stützpunktleiter der NSDAP ernannt, später hieß es dann Ortsgruppenleiter. Daß ich angefeindet wurde, blieb nicht aus. Die Quittung für meine Aktivitäten für diese Partei folgten. Irn  September 1945 wurde ich von der GPU in Fünfeichen, dem russischen Intemierungslager, eingesperrt. Zur Ehre der Ruester Bewohner muß ich aber sagen, daß die Verhaftung nicht dadurch erfolgte, daß ich von Einheimischen  verpfiffen wurde!

Auch Wahlen führte die Partei durch, die Ergebnisse lagen etwa immer bei 90% für den damaligen Staat. Viele parteipolitische Volksfeste und Vergnügungen führte die Parteileitung durch, um das Volk im Griff zu haben. Im Winter waren es die Deutschen Abende, der 1. Mai als Tag der Arbeit, die Sommersonnenwende mit großem Feuer. Man war zurückversetzt in die Frühzeit. Das Erntedankfest auf dem Ruester Krug, die Anfahrt auf geschmücktem Erntewagen, alles wie vordem, nur die Rede Hitlers wurde gemeinsam empfangen. So steuerten wir auf den Krieg zu. 1937 liefen wieder Manöver in der Umgebung von Ruest ab bis hin zur pommerschen Grenze. Wieder gab es Einquartierungen. Vorher war die zweijährige Militärdienstzeit eingeführt worden. Die Empörung der Soldaten war verständlich, viele standen vor der Entlassung und mußten nun noch ein Jahr länger dienen. Österreich war schon angeschlossen, die Tschechoslowakei folgte und am 1. September 1939 marschierten deutsche Soldaten in Polen ein. Begeisterung und Beklommenheit machten sich breit. Autos und Motorräder wurden eingezogen, Benzin gab es nur in dringenden Fällen. Pferde wurden auf dem Ruester Krug gemustert und viele wurden zum Dienst eingezogen. Auch die alten Frontkämpfer von 1914/18 mußten wieder in die Kasernen. Lebensmittelkarten wurden  ausgegeben. Die Wehrmacht eroberte in 18 Tagen Polen. Die ersten Kriegsgefangenen kamen nach Ruest. Im Saal von Hahn wurden sie untergebracht, wohl an die 20 Mann. Meine Mutter kochte den großen Waschkessel voll  Eintopfessen, das diese hungrigen Menschen herunterschlangen. Die Kriegsgefangenen wurden bei den Bauern in der Landwirtschaft eingesetzt. Sie waren für uns eine gute und willige Hilfe. Der Weltbrand hatte seinen Anfang genommen, er war nicht mehr zu löschen. Aber auch in Ruest waren mehrere Brände zu löschen. Die Scheune auf dem Ruester Krug von Brenncke brannte zuerst ab, Anfang der dreißiger Jahre. Die SA half beim Aufräumen und  Steineputzen. Dann die Scheune von Nielandt, vom Blitz getroffen, brannte sie bis auf die Grundmauern nieder. Unsere Dorffeuerwehr hatte alle Mühe, die nebenstehenden Gebäude zu retten. Bei Wahls brannte ebenfalls die strohgedeckte Scheune nieder und im September 1939, wir waren gerade bei der Kartoffelernte, brannten Viehhaus und Scheune von Hans Steinfatt. Ein defektes Kabel hatte im Stroh gelegen und den Brand ausgelöst. Auch unsere  Gebäude waren gefährdet, wir waren ängstlich bemüht, ein Übergreifen des Feuers zu verhindern. Die Aufregung war natürlich groß. Doch das Leben ging weiter. Die Reservisten Jarchow, P. Cords und Marten kamen zurück, junge Rekruten wurden eingezogen. Viele Bauersfrauen standen ohne ihren Mann da, aber die Landwirtschaft mußte weiterlaufen. Im Mai 1940 wurde Frankreich in 27 Tagen überrollt, eine Siegesmeldung nach der anderen gaben Presse und Rundfunk bekannt. Dann hieß es, die Fahnen raus, sogar die Kirche hatte zwei Fahnen rausgehängt, eine Schwarz-Weiß-Rote und die Hakenkreuzfahne. Französische Gefangene zogen nun ins Dorf und zu den Ausgebauten. Das Armenhaus wurde belegt, die polnischen Gefangenen, die nicht entlassen wurden, weil sie aus den Gebieten kamen, die die Russen annektiert hatten, wurden nun bei den Bauern untergebracht. Inzwischen weilten auch zivile  Arbeitskräfte aus Polen bei uns zur Unterstützung der Hausfrauen. Zwei tüchtige Mädchen wurden uns zugeteilt, die bis Kriegsende bei uns blieben.

Am 1. September wurde ich zur Kavallerieabteilung 14 in Ludwigslust eingezogen. Seit dieser Zeit bis zu meiner Rückkehr kann ich über Ereignisse in Ruest nichts kundtun. Ich war wohl mehrere Male in Urlaub.  Zu dieser Zeit war Wilhelm Marten Lehrer, Bürgermeister und Ortsgruppenleiter im Dorf.

Am 3. Mai 1945 kam ich von der Armee zurück, die Russen waren schon in Ruest einmarschiert. Ein Teil der Bevölkerung war in den Wald, ins Kadower Moor oder sonstwohin geflüchtet. Nach Mitternacht kam ich nach  Hause, von Zierzow bei Ludwigslust über Parchim nach Lenschow. Dort habe ich in einer Strohmiete gelegen und auch bis zum Abend geschlafen. Dann durch die Lenschower Wiesen zum Wald, der mit Flüchtlingen gefüllt war.  Zwischen Möller und der Schnaterei über die Chaussee an Weltzin und Garling vorbei, immer auf dem Acker laufend. Auf Weltzins Hof krachte ein Schuß, also waren Russen dort, die mich zur äußersten Vorsicht mahnten. Es war eine herrliche Mainacht, halb dunkel, ausgezeichnet zum Marschieren. So kam ich wohlbehalten auf meinem Hof an. Ein Russe lief über meinen Hof, also waren sie auch dort und im Dorf. Vorsicht war geboten, war ich doch noch  in Uniform und mit Karabiner bewaffnet. Mein erster Gang war ins Wohnhaus, um meine Familie zu suchen. Der Ofen war noch warm, aber meine Familie nicht zu finden. Meine ersten Handlungen waren: Uniform aus, Zivil an, die Waffen weg. Dann suchte ich den ganzen Hof ab und lief in die Bauerntannen. Dort fand ich Familie Zülck, nur nicht meine Frau und Kinder. Ich zurück. Auf dem Sternbergschen Hof waren die Russen, sie machten ihre Panjewagen  zur Abfahrt bereit. Die Luft war rein. Beim Ehepaar Prestin fand ich meine Familie wohlbehalten, die Freude war groß. Am nächsten Tag schon zogen die Polen mit unseren Pferden und Wagen, beladen mit Verpflegung und Hafer  für die Pferde, ab in die Heimat gen Osten.

Der Krieg war am 8. Mai 1945 zu Ende. Doch fast jeden Tag kamen die Russen, suchten Lebensmittel, schlachteten Schweine und vergewaltigten Frauen und Mädchen. Man war nie sicher. Wie aus dem Erdboden standen  sie vor uns. Den Kindern taten sie nichts, die Frauen mußten in Sicherheit gebracht werden. Polnische Fremdarbeiter zogen durch das Land, plündernd und raubend. Unser Rindvieh wurde ein paar Wochen später abgetrieben.

Auf dem Hof von Hermann Soltwedel war das Landwirtschaftskommando untergebracht. Jeden Morgen hatten wir uns dort einzufinden. R. Hahn jun. und ich waren die einzigen im Dorf, die kommen mußten. Franz  Stemberg war Bürgermeister, Richard Hahn als Hilfspolizist eingesetzt. Schlecht und recht haben wir uns durchgeschlagen. Von Goldberg kam die Kommandantur mit deutschen Hilfskräften. In der Schule mußten sich jeder Bürger einfinden, um registriert zu werden. Jeder bekam einen provisorischen Ausweis. Bald kam der böse Tag.

Jarchow, Marten und ich sollten uns auf der Kommandantur in Goldberg melden. Jarchow und Marten landeten im Konzentrationslager der Russen in Fünfeichen bei Neubrandenburg. Ich versteckte mich in der Scheune, um mich später abzusetzen. Am selben Tag verpachtete meine Frau den Hof an Gustav Adrian, nur flüchtig sah ich, wie er mit Pferden und Wagen auf unseren Hof fuhr. In der Nacht setzte ich mich ab, um der GPU zu entrinnen. Ich ging querfeldein nach Weberin, 8 km hinter Crivitz. Dort fand ich Obdach bei meiner Schwester, deren Mann vor dem Krieg in dem Ort Schulmeister war. Anfang August 1945, als sich die Engländer aus Schwerin zurückzogen, fuhr ich weiter mit dem Fahrrad nach Charlottental, 11 km hinter Schwerin, zu meinen Schwiegereltern. Dort glaubte ich mich in Sicherheit. Adrian, der aus Ostpreußen kommend bei meinem Schwiegervater Obdach gefunden hatte,  kannte sich in dieser Gegend aus. Zum Pferdekauf kam Rudi Adrian nach Charlottental auf den Hof meiner Schwiegereltern zurück. Der Zufall führte uns zusammen, ich gab mich ihm zu erkennen. Er fragte nach dem Treibriemen, der in Ruest nicht aufzufinden sei. Er fuhr wieder ab. Zehn Tage später wurde ich von der GPU abgeholt. Drei Jahre Fünfeichen waren für mich vorgesehen.

Am 13. August 1948 kam ich zurück, ernüchtert und um vieles klüger. In diesen drei Jahren ist für mich nichts passiert, weiß ich über Ruest überhaupt nichts zu berichten. Im September fuhr ich mit meiner Frau nach Ruest zurück. 1 1/2 Zimmer hatte man mir gelassen, alles andere hatte Adrian belegt. Das Erntefest habe ich mitfeiern dürfen, nach zehn Jahren wieder ein Erntefest auf dem Ruester Krug. Viele Ruester traf ich dort  nicht mehr an. Die meisten der Anwesenden waren Flüchtlinge. Der Saal war voll. Die Versorgung mit Lebensmitteln hatte sich leicht gebessert. Auf Lebensmittelkarten gab es Fleisch, Brot, Milch und Butter. Sirup war Hauptnahrungsmittel geworden. Das Fleisch holte ich aus Techentin, das Brot vom Bäcker bei Lorenz. In der Schmiede hatte sich der Bäcker einen Backofen bauen lassen. So kamen wir schlecht und recht über die Runden. Zu  Weihnachten 1948 zahlte Adrian zum ersten Mal die Pacht. So hatten wir wenigstens etwas Geld, wenn man auch nicht viel dafür bekam. Auf dem Ruester Krug wurde eine Weihnachtsfeier veranstaltet. Der Weihnachtsmann verteilte  kleine Gaben an die Kinder. Man gab sich gelöst und konnte die Vergangenheit für kurze Zeit vergessen. Auch der Karneval wurde zünftig gefeiert. Es war Frieden, die Menschen wurden wieder froher. Für die vor uns liegende Arbeit war das so wichtig.

Unternehmungsgeist und Tatkraft war gefordert. Der Kommunismus zeigte sich noch von der besseren Seite. Den Film vom Kriegsverbrecherprozeß in Nürnberg sahen wir auf dem Ruester Krug, er beeindruckte mich.

In Ruest hatte ich mit meiner Familie keine Perspektive mehr. Auf Wunsch meiner Schwiegereltern konnten wir ihren kleinen Bauernhof pachten. Unsere Zukunft war somit gesichert, das Kapitel Ruest war damit für uns abgeschlossen. Dennoch fuhren wir zweimal im Jahr nach Ruest. Unsere Gräber auf dem Friedhof riefen uns dorthin. Auch etwas Heimweh war dabei. Jedes Mal bei unserem Dortsein stellten wir fest, daß das Dorf abbaute, besonders nach den Jahren 1953 und 1954. Die Ruester Bauern, als Großbauern gebrandmarkt, hatten keine Überlebenschance. Sie wurden von der Regierung ausgebeutet, setzten sich nach Westen ab. Die Landwirtschaftliche  Produktionsgenossenschaft (LPG) übernahm die Äcker der Bauern. Die Gebäude wurden zum Teil genutzt, Reparaturen aber nicht durchgeführt. Im Gegenteil, manche Gebäude wurden abgerissen, Steine und Balken für andere Neubauten verwendet. So stehen heute (1992) nur noch drei Bauernhäuser von einst neun, ein Tagelöhnerhaus, ein Forstkaten und die Schule. Dieselbe wurde für ein Heim für behinderte Rentner umgebaut. Daneben wurde so etwas wie ein Park angelegt. Nur wenige werden darin spazierengehen. Die meisten werden auf dem nahegelegenen Friedhof landen. Dennoch zieht es mich immer wieder in mein Heimatdorf, auf meinen Bauernhof, auf den Friedhof zu den Gräbern  meiner Eltern, die schon längst hätten eingeebnet werden sollen.

Solange ich kann, fahre ich nach Ruest!

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Der Untergang von Ruest

(J.-G. Nehls)

Infolge der Besatzung durch die Rote Armee hatten die Bauern sehr zu leiden, insbesondere die Großbauern. Das meiste Vieh abgetrieben, die Wohnhäuser im Wechsel voller Flüchtlinge aus Ostdeutschland, die  teils verständnisvoll, teils neidisch auf die Bauern schauten. Alles war sehr knapp, die Bauern Selbstversorger.

Friedrich Otto Gehrkens kaufte 1927 von dem Besitzer Grund den Hof Büthberg, zu Ruest als Hufe III gehörend. Grund selbst hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg den Hof Nr. V dazugekauft, vorher Besitzer Weltzien. Nun hatte Büthberg rund 137 ha und fiel deswegen im Herbst 1945 gemäß des Kontrollratsgesetzes unter die Enteignung.

Flüchtlinge aus Ostdeutschland wurden dort angesiedelt und hatten nun etwa 6 ha als Neubauernstellen. Christian Steinfatt (XXII) verkaufte nach dem Zweiten Weltkrieg an Voss, dieser nach etwa einem Jahr an  Kientopp. Wolfram Cords, der in Fünfeichen bei Neubrandenburg einsaß, verpachtete an Gustav Adrian. Rudolf Sternberg hatte an seine Schwester Dau übergeben. Wilhelm Dau ist bis dato Kaufmann in Ruest. März 1947 kauft Heinrich Rathke aus Berlin den Krauterschen Hof (XIV) für etwa 70.000 Mark gegen Barzahlung. Rudi Adrian kauft von Hans Möller (XVII) 16 1/2 ha, Frau Nieland verpachtet an Derwanz, der aus dem Warthegau kam. Soltwedel (IX)  verpachtet an Emil Peglau, aus Danzig stammend. Die meisten Bauern wurden in den ersten Jahren zum russischen Wirtschaftskapitän im Landratsamt vorgeladen, weil sie ihr Ablieferungssoll nicht erfüllen konnten. Schon während  des Krieges war die Zuteilung an Düngemitteln um die Hälfte des bisherigen Verbrauchs gekürzt worden. Nach dem Kriege gab es erst überhaupt keinen Dünger, der Stalldung fehlte, dann stand aber allmählich wenig Kunstdünger  zur Verfügung. Die Bauern glaubten, daß es allmählich besser werden würde. Es war ein Irrglaube, wie wir wissen. Alle Bauern arbeiteten sehr angespannt, auch im Winter. Holz mußte in den aufgegebenen Wäldern geschlagen,  gespalten und gestapelt werden. Oder aber es mußte Langholz gemacht werden. Die Arbeitsleute hatten oft nicht die entsprechende warme Bekleidung, was sich besonders im strengen Winter 1946/47 auswirkte. Das Holz mußte  abgefahren werden (Reparationsholz). Mensch und Tier kamen nicht zur Ruhe. Schlachten durfte man nur, wenn das Soll erfüllt war. Aber sicher haben so manche Schweine ihr Leben "schwarz" lassen müssen. Und auch ist  es passiert, daß, wenn das Fleisch verbraucht war, einige Leute die Arbeitsstelle wechselten. Winterentlassungen, wie es mal geschrieben wurde, gab es nicht.

Die wachsende Feindseligkeit der Behörden gegen die Altbauern wurde immer gefährlicher. Zum Schimpfwort im Mund der Parteiredner auf den Versammlungen verkam das Wort "Großbauer". Die Schwierigkeiten wuchsen mehr und mehr. Die MTS (Maschinentraktorenstationen) arbeiteten kaum für die größeren bäuerlichen Betriebe und dann nur, wenn es von den Neubauern keine Aufträge mehr gab. Auf sehr frühe Termine  wurden die Ablieferungsfristen festgelegt. Um es zu schaffen, mußte man sich sehr beeilen. Noch nicht richtig getrocknetes Getreide mußte gedroschen werden, liegen blieben dafür andere Arbeiten. Kartoffeln konnten nicht zur rechten Zeit geerntet werden, die Zuckerrüben froren teilweise im Boden fest. Kein Erbarmen kannten die Bestimmungen. Kein Bauer war mehr frei in seinen Plänen (Planwirtschaft). Die Regierung wollte die Vernichtung der alteingesessenen Bauern. Das Soll mußte erfüllt werden, es gab kein Pardon, dafür Strafen, Verächtlichmachung in der Presse und vieles andere mehr. Die Ablieferung betrug pro Morgen 7-8 Zentner im Anfang, erhöhte sich  schlagartig, als 1948 das Soll erfüllt wurde, auf 11-13 Zentner pro Morgen. An Kunstdünger gab es für das Erntejahr 1952 100 Zentner Stickstoff, 30 Zentner Kalkammonsalpeter und 60 Zentner schwefelsaures Ammoniak. Kali und Kalk blieben unbegrenzt, es war aber wenig vorhanden und die Lagerkapazität (Bahn - Auto) gering. Vater Stalin und seine Trabanten sorgten schon dafür, daß wir nicht zur Ruhe kamen. Das Dreschen erlaubte man nachmittags  beschränkt, vormittags war es verboten und nachts ohne Grenzen. Dann mußte man flink sein, denn bei dem letzten reichte der Strom nicht mehr. Einige Bauern mußten ihren Dreschsatz für Mestlin und Hohen Pritz zur Verfügung  stellen, wo mit Traktoren angetrieben wurden. Erfassungskontrolleure prüften den Drusch. Die Sackfrage spielte eine große Rolle. Man wurde zur Bürgermeisterei beordert, gepresst und ideologisch aufgeklärt, daß binnen kürzester Frist das Soll zu erledigen wäre. Und schon folgten die neuen Anbaupläne, wo man melden mußte, wieviel gepflügt und eingesät werden sollte. In den Dezember- und Januarmonaten jeden Jahres wurden Razzien  durchgeführt und nach verstecktem oder noch nicht ausgedroschenem Getreide gesucht. So mußte die Mutter von Paul Dieckmann (XXIII), die bettlägerig war, raus aus dem Bett, welches von unten bis oben durchwühlt wurde nach versteckter Fleischware. Das waren keine Einzelfälle! Nicht abgeliefertes Getreide war Sabotage gegen den Staat der werktätigen Arbeiter, gegen den Besatzer und wurde bestraft. Das Ablieferungssoll betrug 1951 für 36 ha Ackerfläche 600 Zentner Getreide, 500 Zentner Kartoffeln, 22 Zentner Raps, 18 Zentner Mohn, 80 Zentner Stroh, 7 Zentner Schweinefleisch, Rindfleisch, mehr als 6000 Eier und 15000 kg Milch mit 3,5% Fett. Was blieb für die  Wirtschaft?! Die Bauern spielte man gegeneinander aus, den Arbeiter gegen den Bauern, Bürgermeister wurden abgesetzt, Ortsfremde und keine Fachleute eingesetzt. Das SED-Abzeichen war immer gut dafür. Jeder Großbauer lebt in Angst und Sorge, was kommen wird, was für neue Drangsalierungen folgen.

Systematisch wurden die Großbauern durch die Presse dermaßen schlecht gemacht, daß man ahnen konnte, wohin das führen würde. In einer stürmischen Nacht bricht ein Teil der Scheune von Hans Zülck (XX) zusammen. Nägel, Holz Zement bekam man nur, wenn man Butter oder Fleisch liefern konnte, aber vor allem Zeitmangel verhinderte eine größere Reparatur. Pressekommentar: “Dieser halb zerfallene Schuppen zeugt davon, daß er  nicht besonderes Interesse hegt, seinen Hof instand zu halten."

1950 flüchtete Hans Jürgen Emcke (XI), der sich den Hof mit seinem Bruder- Werner  (8) teilte. 1951 flüchtete Irene Holz (XI), 1952 Kientopp (XXII). Am 20. 6. 1952 wird Wahls (VIII) verhaftet und später zu 4 Jahren Zuchthaus in Bützow/ Dreibergen verurteilt. Am 29. 7. 1954 wird er auf Bewährung entlassen. Seine Frau und sein Sohn werden vom Hof (Enteignung) nach Neu-Schwinz gebracht. Eine spätere Klage von Frau Clara Wahls hebt die Entlassung auf, weil nicht ihr Mann sondern sie die Eigentümerin ist. Nun beginnt die Abstimmung mit den Füßen. Einer nach dein anderen flüchten die Bauern nach Westberlin. Der letzte Bauer ist Hans Cords mit Familie im April 1953. Am 21. 7. 1952 verläßt Heinrich Rathke (XIV) mit seiner Familie den Hof. Am 26. und 27. Juli 1952 verlassen schweren Herzens sieben Altbauern und sechs Neubauern ihre Höfe und erreichen meistens ohne  Schwierigkeiten Westberlin.

Ein Aktiver in Mestlin erklärte seinen Genossen später: “Der jetzt enteignete Großbauer Wahls hat seine Stiefel mit Butter geschmiert. Seinen Arbeitern gab er nur Marmelade und Sirupbrot Wegen der Butterschmiere konnte er sein Soll nicht erfüllen". Zurück blieben Ida Dollase geb. Kröger (XVI), Frau Nieland (II), Hans Zülck (XX) und Wilhelm Dau (XIX). Letztere wurden im April 1953 enteignet und anderweitig untergebracht. Frau Nieland wurde um die Monatswende Juni/ Juli 1962 unter mysteriösen Umständen ermordet.

Niemand sollte glauben, daß die Bauern, und das nicht nur die Ruester, aus Abenteurerlust ihre Höfe verließen. Die meisten Höfe waren nachweislich seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges im Besitz der  Familien. Was das für die Bauern bedeutete, werden sicher nur die verstehen, die in ihrem Leben ähnliche Situationen meistem mußten. Zurück blieben in der ansässigen Bevölkerung Unverständnis und Haß, geschürt durch die damalige Propaganda. Zum Teil dauern sie bis in die heutige Zeit an und trugen wesentlich zum bedauernswerten Zustand unseres alten Heimatdorfes bei und wurden auf jüngere Generationen übertragen. Cato, ein römischer Staatsmann, 95 bis 46 vor Christi Geburt, sagte vor Gericht:"...Sagt das nicht, es ist immer schwer, sich vor einer Generation zu verantworten, die nicht mit uns gelebt hat .......

Am 24. Juli 1952 fuhr meine Frau mit Pferd und Wagen nach Goldberg, um dort Blumenkohl auf "Freie Spitze" zu verkaufen. Bei erfülltem Gemüsesoll war es möglich. Auf dem Rückweg beim Eckenkamp, ein  Wald 3 km westlich Goldbergs, kam der uns gut bekannte Volkspolizist Walter Pudritzki in Zivil an den Wagen, sagte zu meiner Frau: “Mehrere Bauern aus Ruest werden noch vor der Ernte verhaftet. Mehr brauche ich ihnen wohl  nicht zu sagen." Ehrlich oder??!!

Nun herrschte große Aufregung, gehen wir, bleiben wir? So ging es hin und her. Vor Augen das kommunistische System faßten wir den Entschluß, den Hof zu verlassen, seit dem 02. 05. 1647 im Familienbesitz, um uns nach Westberlin zu begeben. Bestärkt wurden wir noch durch Äußerungen der Flüchtlingsfrau G..., die zu den bei uns beschäftigten Frauen Degner und Kühn gesagt hatte, daß ich dick im Schwarzen Brett stünde. Sie brauche nur ein Wort zu sagen, dann würde ich verhaftet. Auch der kriegsbeschädigte Flüchtling H. Porsch hatte kurz zuvor einen Spitzelauftrag vom Bürgermeister Pigulla erhalten. Ende Juni 1952 warnte mich der Bürgermeister Pigulla  unter vier Augen, in Zukunft nicht die Maßnahmen der DDR als Gemeindevertreter der CDU zu kritisieren. Wir machten uns also am Sonntag, dem 27. Juli 1952, auf den Weg in die Freiheit. Als Vorkommando waren mein Vater und  unser Sohn Johann-Dieter schon zehn Stunden früher gefahren. Am Montagvormittag fanden wir uns dann alle wieder in Westberlin, überglücklich, beisammen zu sein und untröstlich, unsere Heimat verloren zu haben. Aber ich nahm den Hut ab und begrüßte die Freiheit.

Biographie

(J.-G. Nehls)

Als ich am 14. 02. 1918 geboren wurde, war mein Vater im Westen an der Front. Mutters Schwester Clara Wiese war zu dieser Zeit Hilfe und die Hebamme Frau Gads aus Mestlin leistete Beistand.

1924 kam ich zur "Lütt Schaul", der Grundschule mit Carl Schultz als Lehrer und Schulleiter, blieb dort 3 Jahre und kam dann zur "Grot Schaul" bei Köster Wendt. 1928, Ostern, kam ich zur Großen Stadtschule nach Wismar, wohl weil Onkel Otto und Tante Mariechen Wiese dort zur Schule gegangen sind. Ostern 1934 glaubte ich, genug gelernt zu haben und begab mich in die Hände meines Vaters. 1937/38  ein halbes Jahr Arbeitsdienst in Neubrandenburg und ab November 1938 Artillerist in Perleberg. Bei einer Fahrschulfahrt im Juli 1939 mit Beiwagenkrad fuhr uns der Fahrer in einer Rechtskurve in Falkenhagen bei Pritzwalk gegen eine Hausecke. Der Fahrer war sofort tot, ich lag bis 19. 12. 1939 in verschiedenen Lazaretten. Im April 1940 war ich wieder daheim und kehrte dann zur alten Einheit zurück. Anschließend im Balkan und Rußland bis Juli  1942 im Fronteinsatz kam ich übers Lazarett wieder in die Heimat. Es folgte soldatischer Einsatz bis 23. 4. 1945, dann die Gefangenschaft im Westen bis 9. November 1946. Schwarz ging es über die Grenze nach Hause. Der Hof wurde auf mich zum 1. 1. 1947 überschrieben. Ich wirtschaftete in der Hoffnung, daß es einmal besser werden würde. Doch dann flüchtete ich mit Vater und der Familie am 27. 7. 1952 nach Westberlin.

So schreibt die Schweriner Volkszeitung Nr. 32 vom 07. 02. 1958:

"Heute, an diesem Tage, werden die Gedanken vieler, die hier im Saal sitzen, um einige Jahre zurückgehen. 1953 war es. Die Feinde unseres sozialistischen Aufbaus wollten uns einen Schlag  versetzen. Durch Flüsterpropaganda, durch den RIAS und durch Agentenarbeit hatten sie unter den Großbauern in Ruest ihre Opfer gefunden. Mit einem Schlag hatten, bis auf wenige Ausnahmen, alle Ruester Großbauern unseren Arbeiter- und Bauernstaat verlassen.Das Vieh halb verhungert, kein Saatgut, kein Futter war vorhanden, alles hatten die Großbauern vor ihrer Flucht verschoben oder es war irgendwie verschwunden."

Erinnerungen bis 1945

(J.-G. Nehls)

Sie beginnen etwa 1924, als ich zur Schule kam. Der Lehrer Karl Schulz hatte die Schüler in drei Klassen (Lütt Schaul). Dann kamen sie zur Großen Schule (Grot Schaul), die Lehrer Wendt leitete. Die großen  Schüler konnte er auf Grund seines Alters nicht mehr so recht regieren.

Vor 1930 gab es mehr Schnee als später. Einmal war so viel Schnee gefallen, daß nur die Spitzen der Koppelpfähle zu sehen waren. Die Teiche froren meistens zu, so daß wir in jüngeren Jahren mit dem  "Peikschläden" auf dem Eis umherfuhren. Der kleine Schlitten war aus Holz mit Bögen für die Fußspitzen und einem Rundeisen unter der Kufe. Er wurde fortbewegt mittels einer Stange, an deren unteren Ende eine eiserne Spitze war. Rodelschlitten gab es zu der Zeit in Ruest noch nicht. Des öfteren schlief ich bei meinem Großvater Wiese. Eines Nachts klopfte der Nachbar ans Fenster und sagte, daß es auf dem Ruester Hof brenne. Wir  beide los. Es brannte die Scheune vom Gastwirt und Bauer Brenncke (um 1930). Am 28. August 1944 brannten Scheune und Viehhaus der Hufe XIII ab. Gegen Abend hatten die Franzosen Grünfutter geholt. Mein Vater, der ein paar Tage vorher aus dem Lübzer Krankenhaus gekommen war, stand in der Haustür und wollte den beiden Franzosen etwas sagen, als es grell aufleuchtete. Ein Blitz schlug in die Scheune ein und lief über den Hof in das Viehhaus.  Beide Gebäude brannten im Nu lichterloh bis auf die Grundmauern nieder, bis auf eine Kornmiete mitsamt der Ernte, Schrotmühle, Häckselmaschine, Breitsäer, Kleesaatmaschine, zwei Kutschwagen, zwei Ackerwagen und anderem Gerät. Zum Glück stand der Dreschsatz an der Kornmiete. Der große Kastanienbaum vor dem Haus hielt einen Brand des Wohnhauses ab. Er wurde aber auch vernichtet. Feuerwehren aus Ruest, Mestlin und Groß Niendorf rückten an und löschten, so gut es ging. Dabei pumpten sie den Teich total leer. Als Vater im Lübzer Krankenhaus lag, hatte ich in paar Tage Ernteurlaub bekommen, war aber bereits seit einer Woche wieder in der Garnison in Rerik. Trotzdem bekam ich sofort Sonderurlaub. Alle Bauern halfen nach ihren Möglichkeiten, machten Fuhrdienste und so weiter. Besonders stand der Bauer Gehrkens meinen Eltern zur Seite. Aber es war letztlich doch alles vergebens.  Denn als eine Scheune als Behelf für Rindvieh und Pferde fertig war, kam das Kriegsende und das Chaos. Mein Bruder starb im Dezember 1943 in Weimar in einem Lazarett. 1944 der Brand, das Kriegsende 1945, die ständigen  Bedrohungen gegen meinen Vater - das war zuviel für meine Mutter. Sie tötete sich am 6. Mai 1945. Ich war zu der Zeit im Westen in Gefangenschaft.

   
 

Nachlese

(J.-G. Nehls)

Über die Zeit von 1953 - 1990 kann nicht berichtet werden, weil die meisten Einwohner in der Bundesrepublik sind. Vielleicht schreibt ein Daheimgebliebener darüber!!!

Der Zerfall von Ruest ist erschreckend. Wüst liegen die Höfe III, V, VI, VII, IX, XIII, XIV, XV, XVIII, XIX, XX, XXIII, XXIV und sind meistens vollständig abgetragen.

Es stehen noch bei (1) Wohnhaus und Scheune, (IV) Wohnhaus, (VIII) Scheune, (X) Wohnhaus, Scheune, Viehhaus im Zerfall, (XVI) Wohnhaus, Stall, Feldscheune, (XVII) Wohnhaus, Stall, (XXI) Wohnhaus, Viehstall,  (XXII) Halbruine Viehhaus, (XXV) Wohnhaus, Halbruine Stall, (XXVI) Wohnhaus.

Die alte Schule und das Armenhaus wurden abgerissen. Die neue Schule war bis jetzt Altenheim (1993). Von der Molkerei steht nur noch das Wohnhaus und der Stall. Die Gebäude auf den Höfen von Lorenz, Blodow und Rüter sind noch intakt. Die Häuslerei Prestin / Bobzin, der Katen von P. Cords und Rieck sind abgerissen. Am 21. 12. 1957 schreibt Willi Hinrich aus Parchim, der im Sommer 1952 im Ernteeinsatz bei Ruest war wie folgt: “Als Erntehelfer war ich in Ruest eingesetzt. Hier konnte jeder mit eigenen Augen sehen, wie das Eigentum der geflüchteten Bauern so langsam zu Grunde ging. Man gewann den Eindruck, daß man sich in einer seit Jahren von  Menschen verlassenen Siedlung befand. Die Erinnerung an manche Tage des Krieges waren wieder voll wach. Bauerngehöfte habe ich nur 3-4 kennengelernt und zwar die ersten, wenn man von der Straße her (Molkerei) ins Dorf kam.  In den meisten Stuben und Räumen standen nur Betten mit Matratzen, Schränke und Kommoden, die meisten umgekippt und ausgeräumt. An einem Sonntag waren wir dort, wie gerade vorher eine größere Anzahl Bauern abgehauen waren.  Zu der Zeit sah es sehr trostlos aus."

In Ruest lebten am 1.8.1945 223 Einwohner und 109 Flüchtlinge. Im Juni 1994 lebten im eigentlichen Dorf Ruest noch 12 Einwohner.

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